Vor

J. und ich haben ein neues Vorlesevorhaben: die Autobiografie von Emma Goldman, Gelebtes Leben. Ein Wunsch von ihr, den ich mir genauso gern erfüllen möchte. Das Buch wartet noch auf seinen Moment; bislang habe ich nur die Form besehen. Super: Es hat scheinbar ziemlich ideale Vorlesekapitel, und davon ganz viele. Gut, wenn man nicht selbst fragmentieren muss und sich an dem orientieren kann, was die Autorin sinnvoll fand (oder die Lektorin). „Da habt ihr Euch ja was vorgenommen“, sagt G. Ja, das haben wir.

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Bevor wir loslegen, wird Emma noch eine Weile in meinem unordentlichen Regal und dort, wo J. ihre Ausgabe in Berlin haben möchte, auf uns warten. Der Mensch, der dann vorliest, ist zwar wahrscheinlich nicht mehr derselbe, der in einem Pausenaugenblick diese Zeilen hier schreibt, aber wann ist man das schon.

Und das Diktiergerät war doch eine gute Anschaffung.

Schnell noch, ehe ich’s …

Lafcadio Hearn

Hearn auf Martinique, 1888

Mit Lafcadio Hearn (oder eher mit seinem Geist*) kam ich zum ersten Mal in Berührung, als ich 2005 in Japan war, wo unser lieber Reiseleiter M. uns in das Freiluftmuseum Meiji Mura mitgenommen hat. Dort steht ein Nachbau von Hearns Sommerhaus, einem kleinen Holzhaus mit Schiebefenstern und Tatamimatten. Ich habe damals seinen Namen derart falsch in mein Notizbuch geschrieben, dass er eher so klang wie der merkwürdige Spitzname eines damaligen Freundes, es war kein Konsonant an Ort und Stelle. Viel später kam ich erst dahinter, was für ein toller Typ das war, den wir da erlebt haben: eine Art Prototyp des Global Citizen, mit griechischen Wurzeln, irischer Schulkarriere (er flog wegen schlechten Betragens), amerikanischen Träumen und karibischen Sehnsüchten. Erst in Japan wollte und konnte er bleiben. Auf dem Weg dorthin hat er das Makabre und Obskure gesammelt, in Form von Geschichten, Märchen, Mythen. Er schrieb zahllose Reportagen, wunderbare Briefe und ein kreolisches Kochbuch, außerdem Romane wie Chita oder Youma, und wurde für seine Aufzeichnungen japanischer Geistergeschichten – das Kwaidan – völlig zu recht berühmt. Jedenfalls, anlässlich des Erscheinens seines Romans Youma bei Jung & Jung durfte ich für den Freitag ein Portrait zu Hearn schreiben und freue mich sehr darüber.

*Apropos: Das war ein sehr sehr schöner, sehr langer Gespenster-Abend gestern im fluc, auch & vor allem dank Wolfgang Popp, der so fantastisch liest und erzählt und fragt. Seinen Roman Wüste Welt möchte ich unbedingt empfehlen.

Seltsam beruhigend:

zu merken, dass Literatur das noch mit mir machen kann.

So habe ich es in mein Lesenotizbuch geschrieben, nachdem ich auf der Schweizreise nebenbei und zwischendurch in Clemens Setz‘ „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ gelesen habe. Ich habe das Buch an Ort & Stelle gelassen (vielleicht mit Lesezeichen darin, vielleicht nicht) und nach meiner Rückkehr noch nicht gekauft, aus falscher Rücksicht auf meinen Kontostand, der angesichts des Nahenden Ereignisses™ um Schonung gebeten hat. Zuletzt hab‘ ich also vor einer knappen Woche darin gelesen, und seitdem fühle ich beim Gedanken an Valerie so eigenartig, dass ich es schade finde, dass es keine zufriedenstellende deutschsprachige Übersetzung des Wortes haunted gibt. Oder gibt es sie doch?

Jedenfalls ist sie ständig irgendwie anwesend.

Nicht, dass sie sich in meinem Kopf breitmachen würde, wie man das schnell mal sagt, wenn Figuren oder Romane besonders lang und heftig widerhallen. Eher ist es so, als würde sie neben mir sitzen, oder hinter mir, oder zufällig unten über die Kreuzung gehen, wenn ich gerade am Fenster stehe, oder vom einzigen Balkon am Haus schräg gegenüber rüberwinken. Vielleicht, weil ich dem Roman ohne große Gegenwehr abnehme, dass die Wirklichkeit ein Konstrukt ist oder wenigstens formbar, und obendrein ist es doch so oft non seqitur, was die anderen Menschen um einen herum so machen. Merkwürdige Erinnerungen an Graz, diese Stadt, von der es einen nicht wundert, dass sie neben hohen Bergen und schönen Häusern auch dunkle Keller hat. Träume von anderen Anwesenden, seltsam beunruhigend.

 

Multitudes, oder: Wer ist Johanna?

Immer wieder mal fragen Leute, die „Das Zeichen für Regen” bis ganz zur letzten Seite gelesen haben, nach Johanna. Ich bin dann um eine Antwort verlegen: Was soll ich bloß sagen? Meine großartige Freundin mit einer sehr schönen Stimme. Mit einem seltenen Sinn für Lyrik und auch sonst einem feinen Gespür: Sie sieht Dinge, zum Beispiel in Wäldern und im Sternenhimmel, die mir selbst verborgen bleiben. Ein kritischer Geist, sie nimmt nichts für selbstverständlich, und wenn man gut zuhört, kann man bei ihr das Hinterfragen lernen. Ein großzügiger Mensch, der gern teilt und wenig fordert. Lustig und liebevoll. Alles nicht falsch, aber es ist auch nicht hinreichend. (Am meisten Johanna steckt für mich vielleicht in der glücklichen Erinnerung an drei geteilte Stück Kuchen in ihrem Zimmer, aber die behalte ich noch eine Weile im Stillen.)

I am large, I contain multitudes, heißt es bei Walt Whitman. Fünfzig Antworten auf die Frage, wer Johanna ist, sind ein ganz guter Anfang, und es ist viel so schöner, auch wahrer, sie selbst erzählen zu lassen. Ich hab‘ sie gefragt, ob es okay ist, wenn ich ihr Video teile. Sie hat sofort ja gesagt. Auch das ist Johanna.

Und dies ist Johannas Blog.

Geisterstunde im fluc

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Yūrei auf einem Bild von Katsushika Hokusai

Die Kulturjournalisten und Autoren Wolfgang Popp (Ö1) & Jana Volkmann (Buchkultur) treffen sich zur gemeinsamen Gespensterjagd im fluc. Sie reden über Literatur, Reisen, Geist und die Welt, dazwischen betätigen sie sich als DJs und überlegen, wieviel Gespenstisches in ihren eigenen Romanen zu finden ist. Die haben sie nämlich auch mit im Gepäck:

Wolfgang Popp: Wüste Welt www.editionatelier.at/wueste-welt.html
Jana Volkmann: Das Zeichen für Regen www.editionatelier.at/das-zeichen-fuer-regen.html

Textlicht. Literaturmontag im fluc ist eine monatliche Lesereihe der Edition Atelier und präsentiert Lesungen, Diskussionen, (DJ-)Musik oder Konzerte bei freiem Eintritt.

30. Mai, 20:30 Uhr, fluc, Praterstern 5, 1020 Wien

 

Kirschblütenzeit

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Dieses unglaubliche Ding heißt Sakura-Kanten. Daheim ist es im Teehaus Siki, genau wie viele andere unglaubliche Süßspeisen aus Japan, und ein paar Tees, die man nirgends sonst in Wien bekommt. Am 19. März um 18:30 Uhr lese ich dort im Teeraum aus dem „Zeichen für Regen“. Lautes Schlürfen, andächtiges Kauen und erstaunte Ausrufe sind währenddessen ausdrücklich erlaubt.

Und so staunt man auf Japanisch: ほら!

Lesung bei Siki in Wien

Siki (sprich: Shiki) im 18. Bezirk ist ein fantastischer und verzauberter Ort. Ich habe gehört, dort wurden schon so manche Gelegenheits-Teetrinkerinnen zum Oolong-Snobismus bekehrt, und wer sich vor einem Besuch nicht vorstellen kann, dass Bohnen die beste Zutat für Süßigkeiten sind und Kirschblütentee eine gute Prise Salz verträgt, weiß hinterher mehr. Bitte packt die Tabi-Socken aus, entstaubt die Kimonos, es wird – besonders!

12743768_1040077742718664_5028028787765488934_nEs sind noch Plätze frei. Reservierungen unter office@siki.at oder telefonisch unter +43 1 47 00 839 zu den angegebenen Öffnungszeiten. Gerne aber auch persönlich im Siki!