Nanae Aoyama im Freitag

Nanae Aoyamas Roman Eigenwetter hat mich schon sehr begeistert: Er hat etwas aufgerührt und er hat mir geholfen, Japan besser zu verstehen, weil es um Gegensätze zwischen Generationen geht, oder die zwischen Stadt und Land. Gleichzeitig erzählt Eigenwetter von Erfahrungen, die man überall macht: Wie es ist, auf sich gestellt zu sein, obwohl man eigentlich noch gar nicht dafür bereit ist. Oder wie Familie auch etwas sein kann, das man sich und anderen erschafft – ohne dass es dabei um Gene oder den Stammbaum geht.
Genauso jetzt die neu übersetzten Erzählungen in Bruchstücke – die Themen und die Stimmungen sind vielleicht ähnlich, aber der Zugang dazu jedesmal ein völlig bruchstücke coveranderer. Es war wunderbar, die Autorin neulich in Berlin wiederzusehen. Erst zu einer Lesung bei Fräulein Schneefeld und Herrn Hund. Am nächsten Morgen gleich nochmal dort zum Gespräch, denn wozu groß weitersuchen, wenn man den besten Kaffee (und Schokolade, Bücher, Tee) schon gefunden hat. Nanae Aoyama hat von Schwellen und Übergängen erzählt, sie hat Tunnel- und Flusserinnerungen geteilt, und natürlich über ihre Erzählungen gesprochen. Den Artikel gibt es jetzt auch online auf freitag.de.

Ich hatte die ganze Zeit – bei der Lesung und beim Interview – meine analoge Kamera in der Tasche, ein Erbstück, das ich vor der Reise nach Berlin nie benutzt habe. Das bedeutet auch, dass ich noch immer nicht weiß, ob die Bilder etwas geworden sind. Vielleicht ist die Kamera, eine Kodak Retinette, längst kaputt, oder (wahrscheinlicher) meine halb intuitive Herangehensweise an die doch recht komplexe Apparatur reicht nicht aus, um Licht und Schärfe abzuschätzen und gleichzeitig alle Finger von der Linse zu nehmen. Ich habe vor lauter Zuhören allerdings sowieso vergessen, ein Bild zu machen.
Jetzt ist der Film beinah voll und bald finde ich heraus, ob die Fotos gut sind. Und was ich überhaupt fotografiert habe. Auch darüber hat Aoyama gesprochen, über diese Verzögerung bei der analogen Fotografie vom Drücken des Auslösers bis zum Betrachten des Bilds. In der Titel-Erzählung “Bruchstücke” kommt es dadurch zu einer Erkenntnis, die andere sicher viel theatralischer in Szene gesetzt hätten – die bei ihr aber ganz sanft und umso eindringlicher und nachdrücklicher daherkommt.
Komischerweise ist dann mein Gedächtnis eingesprungen und hat so etwas wie ein Foto gemacht: Ich seh’ Nanae Aoyama da auf dem gelben Sessel vor der türkisen Wand sitzen und heiße Schokolade aus einer Tasse trinken, die wie gemalt aussieht.

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Nanae Aoyama
Bruchstücke
Aus dem Japanischen von Katja Busson & Frieder Lommatzsch
cass Verlag

 

Ächzende Häuser

Neulich in Wien: hunderttausend Milliarden Blitze und die passende Lektüre für eine leuchtende Gewitternacht, in der alle Häuser ächzen und schwanken. Lesen, als wäre es Teil einer Séance. Das Buch ist mir vor Jahren im Green Apple Bookstore in San Francisco in die Arme gelaufen und wird seitdem beständig alle paar Monate wieder aus dem Regal geholt.

Es ist ein überbordendes und interdisziplinäres Buch, das viele Filme und Literaturen anzitiert, Thesen zuspitzt, übergreifend und global denkt, Gegenwart und Geschichte zusammenbringt. Dabei werden immer wieder Analogien hergestellt zwischen Haus und Körper, diese beiden Behausungen des Horrors, der sich auf verschiedene Arten äußert. Durch Verzerren der Form (“Distortion & Disproportion”), durch Vervielfältigung (“Doubles”, “Clones”), durch Verfall (“Partially and Mostly Dead”). Die vielen Fotos und Illustrationen bilden ein ganz konkretes Fundament dafür, aber auch der Text selbst ist im besten Sinn anschaulich.

Joshua Comaroff & Ong Ker-Shing
Horror in Architecture
ORO Editions

Mühen zum Frühstück

  • Ein schlechter SchaumPotsdam, Frühstückspause der Gerüstbauer
  • Mühen zum Frühstück
  • Chromatische Hoffnungen mit Figur
  • Todernste Katze, kühner Strahl
  • Wärmeunruhen
  • Verwelkte Elefanten
  • Ein asymptotischer Hase
  • Grenzen des Nabels
  • Mein Unkraut in Amerika
  • Hagelplaneten

Diese Titel für Bücher, die noch zu schreiben sind, stammen aus dem fantastischen Buchtitelgenerator. (Hab Dank, liebe C., für den Tipp!) Frage mich, was Clemens Setz von ihnen halten würde. Denke auch an Boris Vian, Haruki Murakami, Anaïs Nin, Richard Brautigan, Ursula K. Le Guin. Halb assoziativ und halb automatisch, so müsste schreiben sich immer anfühlen.

 

Foto: Bundesarchiv Bild 102-09409, Potsdam, Frühstückspause der Gerüstbauer (CC BY-SA 3.0 de)

Sperrmüll

Auf diesem Hinterhof ist was im Werden. Betriebsausflug nach Bratislava, Februar 2018.

[Und ja, mir fehlt die Bank, auf der ich dort mit joh zusammen saß, und das Schild mit der Aufschrift poezia im sichtweiten Fenster. Beim nächsten Recherche-Besuch wird der Ort sich wieder ein wenig verändert haben, und ich habe mir vorgenommen, mich auf dem Weg zum Bahnhof kein drittes Mal zu verlaufen. Ich weiß jetzt, dass das Uhrenmuseum wegen technischer Schwierigkeiten – oder nein, Gebrechen? – geschlossen hat, aber die Suche nach der verlorenen Zeit muss ja auch nicht immer erfolgreich sein. Chronos habe ich dafür sofort entdeckt, der wohnt an der Decke im Pharmaziemuseum und hat eine Uhr im Arm wie einen Saufkumpanen. Lasst den Sperrmüll ruhig ausruhen. Wir sehen uns wieder, ehe der Frühling blüht.]

There’s shrimp in the egg rolls

Hier kommt jetzt eine kurze Werbeunterbrechung für eine meiner Lieblingsserien in diesem Jahr. Ich schwör’, ich kriege nichts dafür.

 


 

Dieses Jahr war ungeheuer, ungeheuer seltsam. Nota bene: Ich beschwere mich an dieser Stelle gewiss nicht über das, was besser hätte laufen können, ich beobachte nur. Für Serien hatte ich 2017 komischerweise immer Zeit, und eine der besten, die ich gesehen habe, war The Marvelous Mrs. Maisel. Mit der umwerfenden Rachel Brosnahan in der Hauptrolle, Dialogen, an denen man sich schneiden kann, und einem Kostümdesign, dass einer schwindlig wird vor lauter Ehrfurcht. Besonders hervorzuheben auch die Performance von Alex Borstein, ohne die die Serie nie geworden wäre, was sie ist.

Produziert wurde diese Serie von Amazon. Wie schon andere tolle Serien zuvor, ich denke an Transparent, trotz einer recht offenkundigen Fehlbesetzung in meinen Augen ein Meilenstein. Oder an I Love Dick,  dessen Verfilmung mit Kathryn Hahn zeigt, zu welch unverfrorenen, überfälligen Statements der kleine Bildschirm fähig ist.

Weil ich im echten Leben ein Fan bin von The Marvelous Mrs. Maisel, bin ich das auch auf Facebook geworden – mit der ernüchternden Konsequenz, dass ich nun eine Menge Werbeanzeigen bekomme, und zwar über den Feed der offiziellen Fanseite. Ich könne mir ein Outfit, wie Midge Maisel es trägt, doch einfach bei amazon.com zusammenklicken. Zeitlos sei es außerdem. Naja. Zu Forschungszwecken habe ich den Link angeklickt und die gezeigten Kleider waren nicht einmal ein billiger Abklatsch dessen, was die Kostümdesignerin Donna Zakowska und andere für die Serie geleistet haben. Man kann gar nicht genug hervorheben, wie gelungen die Serie auch visuell ist, umso mehr fällt auf, was man da für einen lieblos zusammengeschusterten Ramsch angeboten bekommt. Und das im Namen einer Serie, die es selbst nach zehn durchwachten Nächten, abwechselnd im Gefängnis, auf Stand-up-Bühnen und im Babyzimmer verbracht, besser kann. Diese Vermarktungsstrategie ist sowas wie die Garnele in der Frühlingsrolle, je nach Geschmack entweder fehl am Platz oder ungenießbar, und ganz sicher nicht kosher.

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