Du kannst auch einfach იანა zu mir sagen

Der georgische Pavillon auf der Buchmesse gehört zu den schönsten Räumen, die ich kenne. Dreiunddreißig große, schwebend leichte Buchstabenskulpturen aus Holz. Seltsam ausgeleuchtet. Außerdem ein Hub of Emotions, danke, aber den brauchten wir gerade gar nicht.

Auf der Bühne im Pavillon fand am 11. Oktober die Bekanntgabe und Verleihung der PenMarathon-Preise statt und ja, ich hab’ da gewonnen, und bin natürlich noch immer nicht in der Lage, dazu etwas anderes zu stammeln als dass ich sprachlos und auf eine etwas merkwürdige Art glücklich bin. Auch ausgezeichnet wurden Simona Harmeinecke und Sarah Berger, auf der georgischen Seite Mindia Arabuli, Aleko Shugladze und Irma Malatsidze.

Georgischer Pavillon

Die obligatorische schlaflose Nacht nach meiner Rückkehr verbringe ich mit der Anthologie. Der Anthologie! Die deutschsprachigen Texte kannte ich schon, aber ich lese sie nochmal gedruckt. Ich weiß nicht, ob das ein Anachronismus ist (ich bin sehr viel weniger digital native als vermutet, merke ich vor allem im Austausch mit den anderen), aber für mich mach die bloße, simple Gegenständlichkeit des Buchs die ganze Sache ein gutes Stück wirklicher. Die der georgischen Autorinnen und Autoren kannte ich noch nicht und bin sehr beeindruckt, nicht nur, weil sie im Schnitt einfach mal das Doppelte in derselben Zeit geschrieben haben. In Mindia Arabulis Text “Mäuse und Lerchen” zum Beispiel geht es um Glaubensbekenntnisse, es gibt ein ganzes Bestiarium merkwürdiger Gestalten, und nachdem wir uns im Workshop in Marosheni lange mit idealtypischen ersten Sätzen auseinandergesetzt hatten, kommt er lässig mit dem perfekten letzten Satz daher. Und Irma Malatsidze, die georgische Gewinnerin, lässt am Anfang ihrer Story eine Ente verschwinden. Es wird kolportiert, sie sei einfach davongeflogen. Allerdings hat die Ente nur einen Flügel, irgendwas stimmt nicht, und je weiter man liest, desto mehr bestätigt sich dieser Eindruck. Ich kann sofort nachvollziehen, weshalb die Jury diese beiden Texte ausgewählt und ausgezeichnet hat, und bin vor Bewunderung hellwach, ist ja jetzt sowieso schon fast fünf.

Geräuschealbum

Wien, Donauinsel, nachts:

Antwerpen, Plantin-Moretus-Museum, Holzfußboden aus dem 16. Jahrhundert:

Miesbach, Märchenweiher:

Vancouver, Umspannwerk:

Mzcheta, Schwalben über der Swetizchoweli-Kathedrale:

[Was wäre, wenn wir uns statt Bilder zu zeigen Sounds vorspielten? Wie viel bekommt man von einem unbekannten Ort mit, wenn man die Augen schließt? Und klingen Umspannwerke überall gleich?]

Fischsommer

Nun ist es also raus. Ich bin sehr, sehr glücklich, als eine von fünf PenMarathon-Finalist*innen auf die Frankfurter Buchmesse fahren zu können, zusammen mit Sarah Berger, Thilo Dierkes, Simona Harmeinecke und Lasse Kohlmeyer. Ich bin auch ziemlich unglücklich, weil mir die vier Leute, die auf der Liste nicht dabei sind, fehlen und fehlen werden, und es ist enorm schön zu wissen, dass wir einander wiedersehen, bald, und unabhängig davon, wo welcher Name steht.

Foto von einem Koi-Karpfen

Seit dem Wettbewerb werde ich regelmäßig von Erinnerungen heimgesucht und das schlechte Gewissen, weil mein Umfeld dauernd Sätze hören muss, die mit “In Georgien …” anfangen, ist grenzenlos. Am stärksten verfolgt fühle ich mich vom Karpfen Wahrheit. Er ist mir in Vancouver in einem chinesischen Gartenteich entgegen geschwommen, in der Donau habe ich ihn gesehen. So oft wie in diesem Sommer war ich schon sehr lang nicht mehr schwimmen; seit ich in Wien bin, ganz sicher noch nie. Ich würde am liebsten sofort wieder ins Wasser gehen, jetzt, egal, wie spät es ist und wie heiß oder windig. Wassertiere waren mir schon immer sympathisch, aber nie solche Identifikationsfiguren. Ich möchte noch viel mehr Zeit in der Badewanne verbringen und eine Saisonkarte fürs Hallenbad, sollte dieser Sommer je vorbeigehen, wofür derzeit allerdings überhaupt nichts spricht.

Was in dieser ereignisreichen Jahreszeit auch passiert ist: Die großartige Koi Karp hatte ihre erste Ausstellung, hier in Wien, im Kunstraum Damani. Die Bilder, oft eine Symbiose aus Zeichnung und Text, hängen übrigens noch und warten auf Eure Augen. Koi hatte anlässlich der Veranstaltung dort mit der Autorin Isabella Feimer und dem Musiker Ben Hofer, die ganze Tasche voller Überraschungen; alle Gäste durften eine Visitenkarte mit nach Hause nehmen, die per Hand mit einem Literaturzitat verziert und somit einzigartig wurden. (Der Tag eines Kois hat offenbar viele Stunden, oder vielleicht eher die Nacht?) Und Koi meinte ganz locker zu mir, auf die Art, wie nur sie Bedeutungsvolles ganz beiläufig klingen lassen kann: “Klar, du kannst auch einfach ziehen, aber eigentlich habe ich schon eine für dich vorbereitet.”

Illustriertes Zitat "Your bait of falsehood takes this carp of truth"

 

 

 

Georgien-Tagebuch III: Ach, und die Schwalben.

Mir kommt es vor, als hätte ich bei den Aufzeichnungen mindestens einen vollen Tag vergessen, weil einfach alles so dicht war. Ich habe bisher noch nichts über den wunderbar distinguierten Kellner geschrieben, der fließend deutsch gesprochen und zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen alle Wünsche erfüllt hat, von denen wir vermutlich nicht einmal wussten, dass wir sie hatten. Oder von der schwarzen Hündin von Marosheni, die unglaublich lieb war, aber aufgrund ihrer Größe auch ein wenig furchteinflößend. Ich glaube, dass sie als einzige im Pool gebadet hat, uns Menschen wurde abgeraten. Und ich habe die georgischen Autorinnen und Autoren noch nicht richtig erwähnt, dabei war ich so ehrfürchtig angetan von vielen dieser Begegnungen. Tamri zum Beispiel hat in einem Nebensatz erwähnt, dass sie Dorothy Parker ins Georgische übersetzt hat. Oder Nino, die für uns Musik gemacht hat; die wahnsinnig produktive Kinderbuchautorin Irma. Und natürlich Levan, der ebenfalls deutsch gesprochen hat und mit dem wir uns wahrscheinlich von allen am meisten unterhalten haben. Ach, und so viele mehr, die ich aber zum größten Teil leider gar nicht kennengelernt habe. Dann habe ich noch den etwas bizarren Spaziergang um Mitternacht zum Friedhof vergessen, falls bislang jemand am Klassenfahrtscharakter gezweifelt hat, den unsere Reise zum Teil hatte – übrigens im besten Sinn. Die Nacht war sehr, sehr dunkel um Marosheni herum und ja, es gibt Wölfe und Bären in Georgien, aber nein, wir haben keine gesehen, uns nur wohlig verfolgt gefühlt. Wirklich verfolgt hat uns bloß das Auto, in dem uns besorgte PenMarathon-Organisatoren dann doch lieber hinterhergefahren sind. Es ging steil bergauf und oben gab es Wein und einen Trinkspruch für die Toten. Continue reading