Geräuschealbum

Wien, Donauinsel, nachts:

Antwerpen, Plantin-Moretus-Museum, Holzfußboden aus dem 16. Jahrhundert:

Miesbach, Märchenweiher:

Vancouver, Umspannwerk:

Mzcheta, Schwalben über der Swetizchoweli-Kathedrale:

[Was wäre, wenn wir uns statt Bilder zu zeigen Sounds vorspielten? Wie viel bekommt man von einem unbekannten Ort mit, wenn man die Augen schließt? Und klingen Umspannwerke überall gleich?]

Fischsommer

Nun ist es also raus. Ich bin sehr, sehr glücklich, als eine von fünf PenMarathon-Finalist*innen auf die Frankfurter Buchmesse fahren zu können, zusammen mit Sarah Berger, Thilo Dierkes, Simona Harmeinecke und Lasse Kohlmeyer. Ich bin auch ziemlich unglücklich, weil mir die vier Leute, die auf der Liste nicht dabei sind, fehlen und fehlen werden, und es ist enorm schön zu wissen, dass wir einander wiedersehen, bald, und unabhängig davon, wo welcher Name steht.

Foto von einem Koi-Karpfen

Seit dem Wettbewerb werde ich regelmäßig von Erinnerungen heimgesucht und das schlechte Gewissen, weil mein Umfeld dauernd Sätze hören muss, die mit “In Georgien …” anfangen, ist grenzenlos. Am stärksten verfolgt fühle ich mich vom Karpfen Wahrheit. Er ist mir in Vancouver in einem chinesischen Gartenteich entgegen geschwommen, in der Donau habe ich ihn gesehen. So oft wie in diesem Sommer war ich schon sehr lang nicht mehr schwimmen; seit ich in Wien bin, ganz sicher noch nie. Ich würde am liebsten sofort wieder ins Wasser gehen, jetzt, egal, wie spät es ist und wie heiß oder windig. Wassertiere waren mir schon immer sympathisch, aber nie solche Identifikationsfiguren. Ich möchte noch viel mehr Zeit in der Badewanne verbringen und eine Saisonkarte fürs Hallenbad, sollte dieser Sommer je vorbeigehen, wofür derzeit allerdings überhaupt nichts spricht.

Was in dieser ereignisreichen Jahreszeit auch passiert ist: Die großartige Koi Karp hatte ihre erste Ausstellung, hier in Wien, im Kunstraum Damani. Die Bilder, oft eine Symbiose aus Zeichnung und Text, hängen übrigens noch und warten auf Eure Augen. Koi hatte anlässlich der Veranstaltung dort mit der Autorin Isabella Feimer und dem Musiker Ben Hofer, die ganze Tasche voller Überraschungen; alle Gäste durften eine Visitenkarte mit nach Hause nehmen, die per Hand mit einem Literaturzitat verziert und somit einzigartig wurden. (Der Tag eines Kois hat offenbar viele Stunden, oder vielleicht eher die Nacht?) Und Koi meinte ganz locker zu mir, auf die Art, wie nur sie Bedeutungsvolles ganz beiläufig klingen lassen kann: “Klar, du kannst auch einfach ziehen, aber eigentlich habe ich schon eine für dich vorbereitet.”

Illustriertes Zitat "Your bait of falsehood takes this carp of truth"

 

 

 

Georgien-Tagebuch III: Ach, und die Schwalben.

Mir kommt es vor, als hätte ich bei den Aufzeichnungen mindestens einen vollen Tag vergessen, weil einfach alles so dicht war. Ich habe bisher noch nichts über den wunderbar distinguierten Kellner geschrieben, der fließend deutsch gesprochen und zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen alle Wünsche erfüllt hat, von denen wir vermutlich nicht einmal wussten, dass wir sie hatten. Oder von der schwarzen Hündin von Marosheni, die unglaublich lieb war, aber aufgrund ihrer Größe auch ein wenig furchteinflößend. Ich glaube, dass sie als einzige im Pool gebadet hat, uns Menschen wurde abgeraten. Und ich habe die georgischen Autorinnen und Autoren noch nicht richtig erwähnt, dabei war ich so ehrfürchtig angetan von vielen dieser Begegnungen. Tamri zum Beispiel hat in einem Nebensatz erwähnt, dass sie Dorothy Parker ins Georgische übersetzt hat. Oder Nino, die für uns Musik gemacht hat; die wahnsinnig produktive Kinderbuchautorin Irma. Und natürlich Levan, der ebenfalls deutsch gesprochen hat und mit dem wir uns wahrscheinlich von allen am meisten unterhalten haben. Ach, und so viele mehr, die ich aber zum größten Teil leider gar nicht kennengelernt habe. Dann habe ich noch den etwas bizarren Spaziergang um Mitternacht zum Friedhof vergessen, falls bislang jemand am Klassenfahrtscharakter gezweifelt hat, den unsere Reise zum Teil hatte – übrigens im besten Sinn. Die Nacht war sehr, sehr dunkel um Marosheni herum und ja, es gibt Wölfe und Bären in Georgien, aber nein, wir haben keine gesehen, uns nur wohlig verfolgt gefühlt. Wirklich verfolgt hat uns bloß das Auto, in dem uns besorgte PenMarathon-Organisatoren dann doch lieber hinterhergefahren sind. Es ging steil bergauf und oben gab es Wein und einen Trinkspruch für die Toten. Continue reading

Georgien-Tagebuch II: Was tun ohne betrunkene Bibliothekar*innen?

Am Tag des PenMarathons hat sich für viele von uns, vielleicht sogar für alle, erst gezeigt, wie wenig wir eigentlich über den Wettbewerb wussten. Grundlegendes über den PenMarathon hat Volker Oppmann, der leider nicht mit auf die Reise kommen konnte, auf → mojoreads.com zusammengefasst. Viel mehr konnten wir vorher nicht recherchieren, weil die meisten Informationen nur auf Georgisch zur Verfügung standen, und vor Ort haben wir dann hauptsächlich über den zeitlichen Ablauf unseres Aufenthalts gesprochen und weniger über die Konditionen. Zumindest mir war die Tragweite des Wettbewerbs nicht bewusst, und die Bedeutung, die der PenMarathon in der georgischen Literaturszene hat. Aber wenn dann schon am Morgen die ersten Kamerateams anrücken, Radiojournalist*innen ihre Mikrofone zücken und PenMarathon-Banner gehisst werden, dann spricht das schon eine deutliche und global verständliche Sprache.

Außerdem war da noch die Sache mit den Hilfsmitteln. Kurz vor dem Anpfiff machte daIMG_20180621_133807_283s Gerücht die Runde, dass das W-LAN für die Zeit des Wettbewerbs – also immerhin volle vierundzwanzig Stunden – ausgeschaltet würde. Erste Schweißausbrüche. In Wahrheit kam es dann aber nochmal anders: Wir mussten Laptops, Smartphones und auch MP3-Player abgeben. Mit fröhlichen Post-its versehen kamen sie in eine Kiste, die ein bisschen was Sargähnliches hatte. Dafür bekamen wir je eine Plastiktüte – übrigens habe ich nie eine so geräuschvolle Plastiktüte erlebt – mit einem Collegeblock, zwei Kugelschreibern und einem blauen Klemmbrett. Ich schreibe normalerweise nichts per Hand, das umfangreicher als ein, zwei Sätze ist, in Ausnahmefällen mal etwas längere Notizen, aber Literarisches? Ohne Laptop? Würde nie auf die Idee kommen, und natürlich bin ich auch konditioniert; für meinem Schreibprozess ist es – dachte ich jedenfalls – absolut lebensnotwendig, dass ich

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Georgien-Tagebuch I: Haben wir eigentlich gefremdelt?

Das hier könnte etwas länger werden. Der Rahmen: Ich war Teil der ersten deutschsprachigen Delegation, die sich für die Teilnahme am PenMarathon qualifiziert hat und nach Georgien fliegen durfte, um dort an einem vierundzwanzigstündigen Schreibwettbewerb teilzunehmen. Dazu später mehr.


Nach Georgien kommt man nur zu den seltsamsten Uhrzeiten. Warum das so ist, wurde uns erklärt, aber belassen wir es mal bei: Landung in Tiflis um drei Uhr morgens. Abreise in Wien am frühen Nachmittag, was für eine wie mich, die lieber zwei Stunden am Flughafen rumhängt als sich auch nur eine halbe Stunde Sorgen wegen Zuspätkommens zu machen, bedeutet: nach dem Frühstück. Während der ersten Etappe des Fluges – von Wien nach Istanbul – habe ich den Film I, Tonya geschaut, der zufällig auf die Minute genau vom Start bis zur Landung ging. Toll! Ich habe ansonsten kaum etwas in Erinnerung behalten, nur die unfassbaren Wolken kurz vor der Landung. Ich denke, sie müssen über dem Marmarameer gehangen haben, und in der Nachmittagssonne hoben sich ihre Schatten deutlich auf der Wasseroberfläche ab. Im Nachhinein eine erste Ahnung von all den Dingen, die ich vorher noch nie erlebt, gesehen, gerochen, gehört, geschmeckt und ausprobiert habe.

Flug nach Istanbul

In Istanbul löste ich mein Versprechen ein, den ersten Türkeibesuch mit simit und çay zu zelebrieren, und traf schließlich auf den (noch nicht vollständigen) Rest der Gruppe, der bereits ein Café mit unbegrenztem W-LAN-Zugang ausfindig gemacht hatte. Continue reading

Nanae Aoyama im Freitag

Nanae Aoyamas Roman Eigenwetter hat mich schon sehr begeistert: Er hat etwas aufgerührt und er hat mir geholfen, Japan besser zu verstehen, weil es um Gegensätze zwischen Generationen geht, oder die zwischen Stadt und Land. Gleichzeitig erzählt Eigenwetter von Erfahrungen, die man überall macht: Wie es ist, auf sich gestellt zu sein, obwohl man eigentlich noch gar nicht dafür bereit ist. Oder wie Familie auch etwas sein kann, das man sich und anderen erschafft – ohne dass es dabei um Gene oder den Stammbaum geht.
Genauso jetzt die neu übersetzten Erzählungen in Bruchstücke – die Themen und die Stimmungen sind vielleicht ähnlich, aber der Zugang dazu jedesmal ein völlig bruchstücke coveranderer. Es war wunderbar, die Autorin neulich in Berlin wiederzusehen. Erst zu einer Lesung bei Fräulein Schneefeld und Herrn Hund. Am nächsten Morgen gleich nochmal dort zum Gespräch, denn wozu groß weitersuchen, wenn man den besten Kaffee (und Schokolade, Bücher, Tee) schon gefunden hat. Nanae Aoyama hat von Schwellen und Übergängen erzählt, sie hat Tunnel- und Flusserinnerungen geteilt, und natürlich über ihre Erzählungen gesprochen. Den Artikel gibt es jetzt auch online auf freitag.de.

Ich hatte die ganze Zeit – bei der Lesung und beim Interview – meine analoge Kamera in der Tasche, ein Erbstück, das ich vor der Reise nach Berlin nie benutzt habe. Das bedeutet auch, dass ich noch immer nicht weiß, ob die Bilder etwas geworden sind. Vielleicht ist die Kamera, eine Kodak Retinette, längst kaputt, oder (wahrscheinlicher) meine halb intuitive Herangehensweise an die doch recht komplexe Apparatur reicht nicht aus, um Licht und Schärfe abzuschätzen und gleichzeitig alle Finger von der Linse zu nehmen. Ich habe vor lauter Zuhören allerdings sowieso vergessen, ein Bild zu machen.
Jetzt ist der Film beinah voll und bald finde ich heraus, ob die Fotos gut sind. Und was ich überhaupt fotografiert habe. Auch darüber hat Aoyama gesprochen, über diese Verzögerung bei der analogen Fotografie vom Drücken des Auslösers bis zum Betrachten des Bilds. In der Titel-Erzählung “Bruchstücke” kommt es dadurch zu einer Erkenntnis, die andere sicher viel theatralischer in Szene gesetzt hätten – die bei ihr aber ganz sanft und umso eindringlicher und nachdrücklicher daherkommt.
Komischerweise ist dann mein Gedächtnis eingesprungen und hat so etwas wie ein Foto gemacht: Ich seh’ Nanae Aoyama da auf dem gelben Sessel vor der türkisen Wand sitzen und heiße Schokolade aus einer Tasse trinken, die wie gemalt aussieht.

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Nanae Aoyama
Bruchstücke
Aus dem Japanischen von Katja Busson & Frieder Lommatzsch
cass Verlag