Nudelsieb und Nadelkissen

Wenn ich an übervolle Wohnungen denke, denke ich zuerst an meine Freundin F. Als wir sechzehn, siebzehn waren und noch bei unseren Müttern wohnten, war ich oft bei ihr in der Souterrainwohnung zu Besuch, zum Horrorfilme Schauen, weil nach dem Tanzen kein Bus mehr bis zu mir an den Stadtrand fuhr, oder um Kaffee mit Zimt zu trinken. Man konnte wunderbar aus dem Fenster schauen und leider mindestens genauso gut von außen hinein. Dabei erwiderten allerdings hunderte Plüschtiere den Blick. Das Bestiarium von F.s Mutter war über die ganze Wohnung verteilt, nur das Kinderzimmer war weitgehend frei von Spielzeug, und so waren einige Exemplare eben auf der Fensterbank daheim. Irgendwann saß eine lebende Katze dazwischen und fiel nicht weiter auf.

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Ein Geist, zwei Hähne

Dieses Bild zeigt geblümte Vorhänge vor einer Zimmertür mit viel Patina.

Von allen Zimmern auf der Reise nach Nepal hat mir das in Bandipur am besten gefallen, in einem Teehaus, wo wir die einzigen Gäste waren und in der Zeit unseres Aufenthalts höflich ignoriert wurden von der scheuen Besitzerin. Für uns drei standen vier Betten bereit, von manchen sah man direkt in die Berge. Nachts zog kühle Luft durch die Fensterläden und am Morgen hat uns ein eifriger Hahn geweckt, ehe der erste Sonnenstrahl dahinter hervorgekrochen kam. Ein anderer Hahn hat uns, weil Bandipur mit Superlativen nicht zu geizen braucht, geradewegs zum besten Dal Bhat der gesamten Reise geführt: in eine Bäckerei, wo ununterbrochen Samosas gerollt und Sandwiches gestapelt wurden. Auch französische Crêpes waren im Programm und viele verschiedene Continue reading

Verschwundene & Verlängerte

Es war mir eine große Freude, mit Jürgen Schütz vom sagenhaften Septime Verlag über seine Arbeit zu sprechen und dabei nicht zwei, nicht drei und auch nicht vier Kaffee im Rüdigerhof zu trinken. Erschienen ist das Verlagsportrait, das irgendwie auch ein Verlegerportrait ist, im Krimi-Spezial des Freitag. Die Überschrift und die ganzen Paratexte kommen nicht von mir, umso schöner der Zufall, dass auch noch ein unbeabsichtigter Verweis auf Wolfgang Popp sich hineingeschlichen hat.

https://www.freitag.de/autoren/janav/die-verschwundenen

I Love I Love Dick

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Den gab’s als Abo-Prämie.

Im Freitag habe ich etwas über Chris Kraus’ Roman I Love Dick (Matthes & Seitz) geschrieben. Das darf gern als Empfehlung verstanden werden, oder – fast noch lieber – als Einladung zur Diskussion über den Text. Denn zu diskutieren gibt es da viel, auch über Frauenbilder und Männerbilder, über weibliche Kunst, weibliche Stimmen, weiblichen Intellekt.

Es hat zwanzig Jahre gedauert, bis das Buch zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt wurde – übrigens ganz beeindruckend durch Kevin Vennemann. (Darum das Wort Spätruhm, das im Angesicht der Künstlerinnenbiografien, die da verhandelt werden, schon eine gewisse Ironie enthält.) Es wäre durchaus interessant, den Roman vor dem Hintergrund heutiger feministischer Diskurse auch nochmal gegen den Strich zu lesen. Dem Buch wünsche ich jedenfalls viele Lesezirkel, die sich damit auseinandersetzen, viel Begeisterung und überhaupt viel Aufmerksamkeit.

“Die entzückende Widmung hat den Nachteil, dass man sie nicht mehr entfernen kann”

Marcel Proust schreibt im April 1902 an seinen Freund, den rumänischen Aristokraten und Schriftsteller Antoine Bibesco:

Cher ami,

Ich habe soeben die erbauliche und kostbare Broschüre erhalten, die gewiss der Anlass für den Krieg in China war und die mich umso verlegener macht, als ich sie Ihnen kaum zurückgeben kann: Die entzückende Widmung hat den Nachteil, daß man sie nicht mehr entfernen kann, und wenn man sie in Ihrer Bibliothek entdecken würde, könnte man auf den Gedanken verfallen, Sie besäßen unrechtmäßig ein Buch, das mir gehört, und das wäre wohl der Gipfel.

Welche Broschüre hier gemeint ist, oder auf welchen Krieg Proust anspielt, ist nicht geklärt, nicht einmal die klugen Fußnoten aus der neu erschienen Edition wissen das. Jedenfalls würde ich so gern die Widmung sehen. Ob sie so Continue reading