Hòn Non Bộ, oder: Die Welt im Kleinen

Der Garten ist die kleinste Parzelle der Welt und darauf ist er die Totalität der Welt.
Michel Foucault: „Von anderen Räumen”


Gärten, heißt es, können die ganze Welt abbilden. Michel Foucault beschreibt in „Von anderen Räumen” einen alten orientalischen Garten, der in seinen vier Ecken die vier Erdteile (welche vier, könnte man sich jetzt fragen) repräsentiert, mit einem „noch heiligeren” Raum im Zentrum. Ein solcher Garten ist gleichzeitig ein Mikrokosmos, der das Beste aller Welten in sich vereint, und mittendrin ihr Nabel.

Alles, was kleiner ist, als es sein soll, maßstabsgetreu geschrumpft (oder auch nicht) und ganz allgemein leicht zu übersehen, fand ich immer schon gut. In einem der wenigen Träume, an die ich mich aus der Kindheit erinnere, hatte ich ein schwarzes Pferd, das noch kleiner war als meine Kinderhandfläche und auf der Tischplatte umhergetollt ist wie andere Pferde auf sommerlichen Almwiesen. Es war ein richtiges One-Trick-Pony, klein zu sein war seine einzige Eigenschaft, aber die hat es perfekt beherrscht.

Als ich per Zufall auf den Eintrag zu Hòn Non Bộ in der Wikipedia gestoßen bin – wer weiß, auf welchem Umweg – war ich dementsprechend gleich begeistert. Hòn heißt Insel auf Vietnamesisch und Non heißt Berg; bei Bộ wird es  komplizierter („a combination of water, mountain range and forest, or it can also mean imitating the way the scenery looks in miniature”). Alles zusammen bezeichnet die Kunst, Landschaften im Miniaturformat wachsen zu lassen, die Gebirge, Inseln und Wälder imitieren. In Vietnam hat man wohl im 10. Jahrhundert damit begonnen, jedenfalls sind aus dieser Zeit die ersten Überlieferungen erhalten. Solche frühen Hòn Non Bộ waren für alle da:

People, even the poorest, placed rocks and plants surrounded by water in containers or basins originally carved from stone.

Melaleuca leucadendra | Franz Eugen Köhler, Köhler's Medizinal-Pflanzen

Melaleuca leucadendra

Später, im frühen 19. Jahrhundert, kamen auch cây kiểng dazu – Pflanzen im Kleinformat, ohne viel Landschaft drumherum. Wer kein König war, musste dabei darauf achten, dass die Baumkronen bescheiden nach unten zeigten, alles andere wäre ein Affrond gewesen.

„Intellectuals or other notable figures liked Ficus”, heißt es in dem Artikel über cây kiểng, die wohl viel mit den hierzulande etwas bekannteren Bonsai gemein haben. Könige fanden Thuja orientalis gut, die auf Deutsch auch Lebensbaum genannt werden und deren nahe Verwandte hier als Heckenpflanzen herhalten. Bei Laien waren Tamarinden beliebt, oder ein Gewächs mit dem schönen Namen Melaleuca leucadendra (noch mehr Pflanzen mit schönen Namen gibt es hier).

Im Supermarkt gab es neulich Bonsai-Bäume zu kaufen, Ficus ginseng (reiner Zufall). Ich konnte nicht widerstehen. Der Übertopf war im Preis inbegriffen: ein Buddha-Kopf in Schwarz oder Weiß, Augen geschlossen, zufriedenes Lächeln, dem der Bonsai mit seinen Luftwurzeln direkt aus dem Hirn sprießt. Ich habe einen weißen genommen und dann natürlich doch behalten, obwohl ich fest beschlossen hatte, den Baum, das Bäumchen, zuhause sofort in einen anderen, nicht anthropomorphen Blumentopf zu setzen. Ich hoffe, Baum und Buddha halten lange durch. Irgendwann, das ist Bonsai-Allgemeinwissen, muss man die Schere ansetzen.

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