Die dritte Steigerungsstufe der Fiktionalisierung

Ich habe bisher zwei Bücher von Amélie Nothomb gekannt. Zuerst habe ich mich auf die französische Orginialfassung von Le Sabotage Amoureux eingelassen, das ich wegen der für mich seltsam schwierigen Sprache wohl eher bezwungen habe als gelesen, und auch das nur mit mäßigem Erfolg. Danach kam lange nichts, und dann folgte Quecksilber. Wenn man den Kritiken glauben schenken darf, nicht unbedingt das Buch, an dem man Nothomb messen sollte, wenn man ihr gerecht werden will und es nicht von vornhinein schlecht mit ihr meint. Es war unterhaltsam, aber es gelang mir nicht, es zu mögen; ich erinnere mich, dass es mich sogar geärgert hat. Nach diesen zwei sehr unglücklichen Annäherungsversuchen (ich hätte es doch besser wissen können!) habe ich Amélie Nothomb jedenfalls ignoriert, so schwierig das auch war, schließlich haben mich ihre Romane immer wieder sehr gelockt. Ich tat so, als gäbe es sie gar nicht, und habe stattdessen anderes gelesen, von dem mich auch vieles geärgert, unterhalten oder einfach unberührt gelassen hat.

Ich habe das bislang noch nicht erwähnt (Verlegenheit? Ungläubiges Staunen & freudiges Zittern?), aber Ende Oktober ist auf der Website des Wiener Literaturhauses eine Rezension zu Das Zeichen für Regen erschienen, über die ich mich maßlos gefreut habe. Beatrice Simonsen schreibt ganz am Anfang,

Wollte man dem Roman von Jana Volkmann einen Platz in der Bücherwelt zuweisen, könnte man ihn nach Amélie Nothombs „Mit Staunen und Zittern“ (2000) und Milena Michiko Flašars „Ich nannte ihn Krawatte“ (2012) auf die dritte Steigerungsstufe der Fiktionalisierung stellen.

Die dritte Steigerungsstufe der Fiktionalisierung! Das hat mir wahnsinnig gut gefallen, und aus allem, was danach noch so kam, konnte ich schließen, dass die Rezensentin sich meinem Buch mit unglaublich großem Verständnis genähert hat. Und dann hatte ich durch Zufall die Gelegenheit, ein Buch von Amélie Nothomb zu bekommen: Eine heitere Wehmut. Der Verlag nennt es einen Roman, was entweder ziemlich kühn ist, ziemlich gescheit, eine Verlegenheitslösung, oder eine bewährte Marketingstrategie*. Denn auf welcher Steigerungsstufe befindet man sich wohl, wenn man Nothomb auf ihrer Reise nach Japan begleitet, “ins Land ihrer Kindheit”, zu ihrer alt und einsam gewordenen Amme und ihrem damaligen, noch immer schönen, noch immer hoffnungslos gehemmten Verlobten, und dabei Sätze liest, die der Wirklichkeit entflohen scheinen, irgendwohin, wo es poetischer ist, kindlicher, wahrer? Vielleicht nach Japan, aber nicht in den alten Kindergarten, die Häuser, die nicht mehr stehen, weil es in Kobe 1995 dieses furchtbare Erdbeben gab – und nicht in den Shirogane Koen, den Park, der wegen der neuen Häuser immer kleiner geworden ist – sondern in ein anderes Japan, ein anderes Archipel, das auf einer anderen Steigerungsstufe der Fiktionalität zu finden ist?

IMG_20151110_071519 Ich habe das Buch also mitgenommen, weil ich es nach Japan mitnehmen wollte, unterwegs lesen, im Flieger, im Zug oder im Hotelzimmer. Weshalb ich es dann doch nicht getan habe, weiß ich nicht genau. Ich habe es wohl einfach “vergessen”, halb absichtlich, halb aus Versehen. Und es erst aufgeschlagen, als ich wieder zurück war in Wien, so müde, dass ich fast schon wieder aufgekratzt war, in einem Zustand, wo es schon weh tut, überhaupt die Augen offen zu halten. Nach den ersten Sätzen dachte ich so etwas wie: endlich. Ich lese nicht schnell, aber nach dem rauschhaft müden Tag war das Buch fast schon wieder vorbei. Und ich stand, in Gedanken, wieder an der Straßenkreuzung in Shibuya, wo ich ein paar Tage zuvor schon stand.

Ich bin eine Sprudeltablette, die sich in Tokio auflöst.

Ob ich mich in demselben Wasser auflösen kann? Das Meer ist ja schließlich groß. Ich habe es mir jedenfalls bequem gemacht in diesem Zwischenreich, noch längst nicht wieder angekommen in Wien, aber alles ganz anders als in Japan; in den Erinnerungen einer sehr fremden Frau gelesen, die Vergangenheit und Gegenwart als ziemlich unbrauchbare, unzulängliche Kategorien entlarvt, keine Sekunde darin nach mir selbst gesucht, aber so viel gefunden. Da gibt es ein paar Worte, ein paar Sätze, bei denen mir beim Lesen vor lauter Seltsamkeit das Herz stehengeblieben ist. Wenn sie etwa von der Landung in Osaka schreibt:

Der Flughafen von Osaka liegt am Meer. Zwei Sekunden vor der Landung ist immernoch kein Boden unter dem Fahrwerk. Ich halte die Luft an.

Da habe ich auch die Luft angehalten. Es fehlen mir keine fünfzehn Seiten mehr, dann ist das dünne Buch zuendegelesen. Ich zögere. Ich zögere das noch ein wenig hinaus. Aber nicht zu lang.


* Unsinn! Da brauchte ich ja bloß ein paar Wikipedia-Artikel zu lesen, um zu erfahren, dass das natürlich goldrichtig entschieden ist.

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