“Die entzückende Widmung hat den Nachteil, dass man sie nicht mehr entfernen kann”

Marcel Proust schreibt im April 1902 an seinen Freund, den rumänischen Aristokraten und Schriftsteller Antoine Bibesco:

Cher ami,

Ich habe soeben die erbauliche und kostbare Broschüre erhalten, die gewiss der Anlass für den Krieg in China war und die mich umso verlegener macht, als ich sie Ihnen kaum zurückgeben kann: Die entzückende Widmung hat den Nachteil, daß man sie nicht mehr entfernen kann, und wenn man sie in Ihrer Bibliothek entdecken würde, könnte man auf den Gedanken verfallen, Sie besäßen unrechtmäßig ein Buch, das mir gehört, und das wäre wohl der Gipfel.

Welche Broschüre hier gemeint ist, oder auf welchen Krieg Proust anspielt, ist nicht geklärt, nicht einmal die klugen Fußnoten aus der neu erschienen Edition wissen das. Jedenfalls würde ich so gern die Widmung sehen. Ob sie so emphatisch ist wie Prousts Dank, und vielleicht sogar genauso komisch?

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Zumindest springt mir noch immer das Herz auf, wenn ich irgendwo ein Buch mit Widmung sehe, ganz egal von wem, an wen. Das Literaturhaus in Frankfurt macht es richtig, dort sind im Saal in der oberen Etage lauter Bücher ausgestellt, die die dort zu Gast gewesenen Autor_innen mit den schönsten handschriftlichen Widmundsc_0038gen versehen haben. Ich habe es immer in Eile und immer mit einem Glas Wein zu viel im Kopf nicht geschafft, mich anständig umzusehen, und hoffe auf weitere Besuche. Nächtliche Spaziergänge am Mainufer dorthin gern inbegriffen.

Meine eigene Widmungssammlung wächst natürlich heimlich weiter, andererseits wird sie zurzeit ziemlich vernachlässigt. Die letzten verschämten Beutezüge am Offenen Bücherschrank auf der Westbahnstraße sind jedenfalls schon ein paar Tage her, und mir geht hier in Wien das Café Tasso ab, das in Berlin so eine zuverlässige Quelle für Unerwartetes und großartige Fundstücke ist.

Hier noch mal mein Artikel im Freitag zu Widmungen. Gibt es wohl noch mehr Leute, die das interessiert und die vielleicht sogar darüber forschen, und gibt es noch mehr solche verstohlenen Privatsammlungen?

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