Nudelsieb und Nadelkissen

Wenn ich an übervolle Wohnungen denke, denke ich zuerst an meine Freundin F. Als wir sechzehn, siebzehn waren und noch bei unseren Müttern wohnten, war ich oft bei ihr in der Souterrainwohnung zu Besuch, zum Horrorfilme Schauen, weil nach dem Tanzen kein Bus mehr bis zu mir an den Stadtrand fuhr, oder um Kaffee mit Zimt zu trinken. Man konnte wunderbar aus dem Fenster schauen und leider mindestens genauso gut von außen hinein. Dabei erwiderten allerdings hunderte Plüschtiere den Blick. Das Bestiarium von F.s Mutter war über die ganze Wohnung verteilt, nur das Kinderzimmer war weitgehend frei von Spielzeug, und so waren einige Exemplare eben auf der Fensterbank daheim. Irgendwann saß eine lebende Katze dazwischen und fiel nicht weiter auf.

Manchmal klingelte es, weil Leute die Wohnung mit einem Teddybärengeschäft verwechselten.*

Bei mir daheim gab es keine Bären, dafür eine Sammlung kleiner Plastikfernseher, die IMG_20170106_112933_128Fotos beliebter Reiseziele im Innern hatten. Lauter blaue Seen und wolkenlose Himmel. Später kam eine Menge wunderschöner japanischer Streichholzschachteln hinzu, aus Hotels und Restaurants zusammengetragen, und ein Glaskasten mit Schmetterlingen, beides Erbstücke und schon allein deshalb sacrosanct. Heute stehen sie ganz selbstverständlich inmitten der Gemälde und Skulpturen, die sich  so zu uns gesellt haben, und wirken ziemlich daheim in der Welt. Ich bin zwischen lauter Gegenständen großgeworden, deren skurrile Schönheit sich langsam, aber bleibend für mich geöffnet hat. Und zwischen Leuten, die partout nichts wegschmeißen können.

Der Sammler Walter Benjamin sprach in Ich packe meine Bibliothek aus von der “leise[n] Langeweile der Ordnung”. Aber was ist das Gegenteil von einer leisen Langeweile? Vielleicht eine lebendige, aber eben auch immer etwas zu laute Unruhe. Ich selbst bin schon in der Lage, Dinge wegzuwerfen (oder weiterzugeben, was natürlich die löblichere Variante ist). Das lernt man beim dritten Umzug oder nie. Trotzdem gibt es in meiner Wohnung viele Sachen, die man nur schwer als zweckmäßig bezeichnen könnte. Es ist, wenn ich ehrlich bin, immer ein bisschen staubig zu Hause, aber ich fühle mich einigermaßen wohl in dieser Mischung aus Bibliothek, Museum und Abstellkammer.

Natürlich ist gegen Konsumverweigerung nichts einzuwenden. Im Gegenteil, in ein großes Hurra für Kauf-nichts-Tage, fürs Teilen und Verschenken stimme ich sofort mit ein. Die Art von Minimalismus, die in Youtube-Videos und Instagram-Accounts vorgelebt wird, ist allerdings häufig eigenartig apolitisch, das Nein zum Kaufen wird nicht groß eingebettet in eine Lebensphilosophie, die über das eigene Erleben (meine weiße Wand, mein blankes Regal, ich fühle mich so toll mit meiner Jeans und den zwei Shirts) hinausgeht. Darum halte ich es für einen Trugschluss, die Verbindung zwischen wenig Besitz und einer kapitalismuskritischen Haltung für selbstverständlich zu erachten. Umgekehrt ist eine Wohnung voller Gegenstände nicht zwingend ein Zeichen für unbedachten Konsum, und überhaupt: Wer entscheidet schon, welcher Gegenstand einen Sinn und einen Zweck hat? Von Nudelsieben** mal abgesehen, manchmal ist das schwer zu bestimmen. An vielen Objekten manifestieren sich Erinnerungen. Ein Geschenk könnte ich nie weggeben, das fühlt sich an wie Hochverrat an dem oder der Schenkenden. Ich habe mich gefreut wie eine Irre, als ich in San Franciscos Chinatown das gleiche Nadelkissen wiedergefunden habe, das ich als Kind mal hatte; ich glaube, dass meine Großtante es mir von einer ihrer vielen Reisen mitgebracht hat. Es war exotisch und wundervoll und wurde natürlich niemals von einer Nadel gestochen (ich nähe ja schließlich nicht). Wo das erste Nadelkissen hingekommen ist, keine Ahnung, bei irgendeinem Umzug wird es wohl unter die Räder gekommen sein. Jetzt habe ich hier einen Gegenstand, der mich an mein geliebtes San Francisco erinnert und an meine liebe Lotte, eine kleine leichte Zeitmaschine, mit deren Hilfe mein ganz altes und mein ganz neues Ich sich die Hände schütteln können. Es steht neben der Salmiakdose aus Helsinki und dem Tanzschulfächer von 1909, einer uralten Fotokamera und dem Reiseschachspiel, das  einen verregneten Tag in einem Café in Buenos Aires gerettet hat. Nichts davon ist überflüssig. Wer das dennoch behauptet, muss ein tolles Gedächtnis haben, das nicht auf solche Stützen angewiesen ist, oder halt noch nicht so viel erlebt.

Es gibt triftige Gründe, sich von zu viel Besitz zu trennen. Weil andere Leute den dritten Tesafilmabroller gut gebrauchen können oder weil man sechs Monate durch Indien wandern will und wenig Ballast sich dabei auf dem Rücken einfach besser macht. Vielleicht ist das Auswandern sogar der einzige Grund für eine gehörige Ausräum-Aktion, der mir wirklich ganz und gar einleuchtet. Ich bin ein wenig neidisch, wenn ich von abgebrochenen Zelten höre; irgendwann will ich das vielleicht auch und dann lasse ich gewiss viel Kram zurück – gern und reinen Gewissens.

Aber wenn das Ausmisten Selbstzweck wird, vielleicht sogar gebunden an das diffuse Versprechen, von den Wirrungen und Unwägbarkeiten der Gegenwart zu heilen, dann gehe ich nicht mehr mit. Mir missfällt auch der Effizienzgedanke hinter der Reduktion. Wenn man nur zwei Hosen braucht, hängt die dritte im Schrank wie das schlechte Gewissen auf zwei Beinen. Wenn man es nicht schafft, den Besitz auf ≤300 Gegenstände (egal welche, natürlich) zu trimmen, macht man etwas falsch. Und wenn man sich andauernd fragen muss, ob das begehrte Objekt – sei es eine Tafel Schokolade, eine Zeitschrift oder der zweite Bikini – den strengen Kriterien standhält, ist das nicht auch eine Art, vom Kaufen besessen zu sein? Es muss zwischen unbedachtem Konsum und strengster Reduktion doch endlose Möglichkeiten geben, die Sache entspannt anzugehen und dabei weder den Planeten noch das Bankkonto noch die geistige Gesundheit zu ruinieren. Platz für tote Schmetterlinge und hundertfünfzig Streichholzschachteln ist schließlich in der kleinsten Hütte.

Zum Schluss noch eine Wohnung, die ich sehr schön finde – die von Sarah Diehl. Hier ein Artikel mit klugen Worten und schönen Bildern: http://femtastics.com/homestories/sarah-diehl-kaempft-fuer-das-recht-auf-abtreibung-und-kinderlosigkeit/

 

*Disclaimer: Man merkt hoffentlich, wie viel Liebe hier im Spiel ist und dass mir die Wohnung und ihre Bären fast so fest ans Herz gewachsen sind wie ihre lebenden Bewohnerinnen.

**Die übrigens prima Lampenschirme ergeben, wenn man löchriges Licht schön findet.

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