Georgien-Tagebuch I: Haben wir eigentlich gefremdelt?

Das hier könnte etwas länger werden. Der Rahmen: Ich war Teil der ersten deutschsprachigen Delegation, die sich für die Teilnahme am PenMarathon qualifiziert hat und nach Georgien fliegen durfte, um dort an einem vierundzwanzigstündigen Schreibwettbewerb teilzunehmen. Dazu später mehr.


Nach Georgien kommt man nur zu den seltsamsten Uhrzeiten. Warum das so ist, wurde uns erklärt, aber belassen wir es mal bei: Landung in Tiflis um drei Uhr morgens. Abreise in Wien am frühen Nachmittag, was für eine wie mich, die lieber zwei Stunden am Flughafen rumhängt als sich auch nur eine halbe Stunde Sorgen wegen Zuspätkommens zu machen, bedeutet: nach dem Frühstück. Während der ersten Etappe des Fluges – von Wien nach Istanbul – habe ich den Film I, Tonya geschaut, der zufällig auf die Minute genau vom Start bis zur Landung ging. Toll! Ich habe ansonsten kaum etwas in Erinnerung behalten, nur die unfassbaren Wolken kurz vor der Landung. Ich denke, sie müssen über dem Marmarameer gehangen haben, und in der Nachmittagssonne hoben sich ihre Schatten deutlich auf der Wasseroberfläche ab. Im Nachhinein eine erste Ahnung von all den Dingen, die ich vorher noch nie erlebt, gesehen, gerochen, gehört, geschmeckt und ausprobiert habe.

Flug nach Istanbul

In Istanbul löste ich mein Versprechen ein, den ersten Türkeibesuch mit simit und çay zu zelebrieren, und traf schließlich auf den (noch nicht vollständigen) Rest der Gruppe, der bereits ein Café mit unbegrenztem W-LAN-Zugang ausfindig gemacht hatte. In Tiflis wurden wir dann von einer jubelnden Menschenmenge begrüßt, die allerdings das Rugbyteam meinten, das zufällig mit uns im Flieger saß. Auf Facebook erfuhr ich später, dass Georgien Tabellenerster im Europacup ist und Deutschland 64:0 geschlagen hat, der Sport war mir auf Anhieb sympathisch. Schließlich nahm uns Zaza in Empfang, der uns während unserer Zeit in Georgien das Leben leicht und sagenhaft schön gemacht hat. Er hat all unsere Fragen beantwortet, hatte irgendwie immer Zigaretten und Feuer parat, war immer da, wenn’s notwendig war, und nicht zuletzt hat er die ganze Sache zu einem ganz großen Teil überhaupt erst möglich gemacht. Ich frage mich jetzt hin und wieder, ob ich ihm oft genug danke gesagt habe. Aber wenn alles wie geplant läuft, haben wir dazu auf der Frankfurter Buchmesse ja sowieso wieder eine Gelegenheit.

Foto vom Blick über den KaukasusVon der Busfahrt in Richtung Marosheni weiß ich nur noch, dass ich pinkeln musste, was aber irgendwie von selbst wieder vorbeiging, und dann waren wir da. Vor uns die Weinberge, anschließend erstreckte sich ein sehr ebenes Tal, und dann der Kaukasus, der zu jeder Tageszeit anders aussah. Mal ferner, mal näher, manchmal wie ein Scherenschnitt, dann wieder vollkommen plastisch, und oft von Wolken verhangen, als hätte er sich zugedeckt und abgewendet, um einen Mittagsschlaf zu machen.

Unser eigener Schlaf war, sagen wir: etwas unregelmäßig. Klar sind wir sofort nach der Ankunft (georgisch sofort, also ca. eine Stunde später) in die Betten gefallen. Aber dann? Die Erinnerung an Tag eins verschwimmt bereits. Wir haben noch einen Workshop mit der Lektorin Christiane Schmidt gemacht, in dem wir uns vor allem mit Anfangssätzen beschäftigt haben und Ansicht des Hotelzimmers in Maroshenigemeinsam versucht haben, herauszuarbeiten, was einen guten oder schlechten ersten Satz ausmacht. Da saßen wir zum ersten Mal alle in einem Raum: die neun deutschen und vierzehn georgischen Autorinnen und Autoren, Übersetzerin Maja Badridse, mediacampus-Repräsentatin Judith Hoffmann, unser allgegenwärtiger und allsehender Fotograf Guram Tsibakhashvili (an dieser Stelle nicht einfach weiterlesen, bitte googlet ihn jetzt und staunt über diese grandiosen Arbeiten).

Und irgendwann gab es dann Essen. In Georgien kann man sich jede größere Mahlzeit als Bankett vorstellen: Der Tisch stand beim Betreten des Esszimmers bereits randvoll mit Speisen, und bevor der erste Teller geleert wurde, kamen neue hinzu, irgendwann muss man dann stapeln und türmen und zum Abschluss wird der Grill angeschmissen und dann gibt’s noch Nachtisch. Zwischendurch wird genauso ausufernd Wein gebechert und immer mal ein Trinkspruch aufgesagt, so dass das auf den ersten Blick etwas anarchisch anmutende Gelage durch Rituale eben nicht unterbrochen, sondern eher strukturiert und verfeinert wird. Zum Glück war Maja Badridse dabei, die eigentlich Literaturübersetzerin ist; sie hat zum Beispiel Musils Mann ohne Eigenschaften ins Georgische übertragen. Für uns hat sie gedolmetscht, als hätte sie nie etwas anderes gemacht, und damit einen Beitrag zu der ganzen Sache geleistet, den man wohl kaum überschätzen kann. Ich habe dann, als ich schon wieder in Wien war, mal ihren Namen bei Google eingegeben und prompt ein Interview gefunden, das die tolle Mascha Dabić mit ihr geführt hat, nachzulesen → hier.

Dass ich mein Zeitgefühl verloren habe, lag sicher nicht nur an der späten bzw. frühen Ankunft, sondern auch daran, dass mit Zeit in Georgien etwas anders umgegangen wird. Man kann einfach großzügig auf jede Ankündigung ein, zwei Stunden draufschlagen. Das war ungewohnt, aber es hat mir sehr gut getan, mal damit konfrontiert zu werden, wie lächerlich meine beim besten Unwillen doch recht deutsche Pünktlichkeit ist. Sophie hat ein Sprichwort zitiert, das mir sehr gefallen hat, sinngemäß: Wer eine Uhr braucht, hat keine Zeit. Ich habe selten so wenig auf die Uhrzeit geachtet wie in Marosheni.

Dass die Nacht dann noch ein ganzes Stück kürzer wurde als gedacht und wir kurz vorm Schlafengehen wieder auf dem gemeinschaftlichen Balkon gelandet sind, ist eine – womöglich nur gefühlt – ganz andere Geschichte, von der ich noch nicht recht weiß, wie und ob ich sie aufschreiben will, außer vielleicht so viel: wie gut, dass wir da zusammen waren.* Ich hatte sowieso den Eindruck, dass wir ganz gut aufeinander acht gaben und eine Gruppendynamik hatten, die ich so vielleicht noch nie erlebt habe, jedenfalls etwas ganz Seltenes. Ich finde Gruppen eigentlich immer schwierig bis furchtbar, wenn mehr als zwei Leute anwesend sind, kriege ich den Mund nicht mehr auf, weil ich grundsätzlich so viel langsamer denke als die anderen reden, und fühle mich nach spätestens zwei Stunden reden wie ein umgestoßenes Bierglas. Komischerweise war das hier nie – wirklich nie! – so, und mich erstaunt das nur deshalb jetzt erst, weil es sich in der ganzen Zeit so selbstverständlich angefühlt hat, dass alles so war, wie es war. Aber ich weiß natürlich und wusste schon in Georgien, dass es eben nicht selbstverständlich ist. Dieser erste Tag hätte auch ganz einfach die Einstimmung auf den Wettbewerb sein können, der am folgenden Mittag losgehen würde. Ich hatte mich an den Tagen vorher – die anderen kannte ich ja nicht – schon den schlimmsten Vorstellungen hingegeben, wie wir einander taxieren und sich Rivalitäten herausbilden könnten, die mich wahrscheinlich sehr schnell hätten einknicken lassen. Das komplette Gegenteil war der Fall. Haben wir eigentlich mal gefremdelt, außer im Scherz? Kommt mir nicht so vor. Ich hatte überhaupt so viel Glück mit diesen Menschen – Daniel, Lasse, Martin, Sarah, Simona, Sofie, Sophie und Thilo –, dass es schwer zu glauben ist. Im Grunde waren wir von Anfang an ein Team und wurden, aber das zeigte sich erst tags darauf, auch von fast genauso vielen Kameras begleitet wie die Rugbymannschaft.


→ Georgien-Tagebuch II
→ Georgien-Tagebuch III

Sofie Lichtenstein hat → auf ihrem Blog etwas über die Reise geschrieben und Martin Spieß hat einen Beitrag für → Zebrabutter verfasst.

* Nachtrag – Sophie hat das mittlerweile → auf ihrem Blog gemacht. Danke.

 

2 thoughts on “Georgien-Tagebuch I: Haben wir eigentlich gefremdelt?

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