Georgien-Tagebuch II: Was tun ohne betrunkene Bibliothekar*innen?

Am Tag des PenMarathons hat sich für viele von uns, vielleicht sogar für alle, erst gezeigt, wie wenig wir eigentlich über den Wettbewerb wussten. Grundlegendes über den PenMarathon hat Volker Oppmann, der leider nicht mit auf die Reise kommen konnte, auf → mojoreads.com zusammengefasst. Viel mehr konnten wir vorher nicht recherchieren, weil die meisten Informationen nur auf Georgisch zur Verfügung standen, und vor Ort haben wir dann hauptsächlich über den zeitlichen Ablauf unseres Aufenthalts gesprochen und weniger über die Konditionen. Zumindest mir war die Tragweite des Wettbewerbs nicht bewusst, und die Bedeutung, die der PenMarathon in der georgischen Literaturszene hat. Aber wenn dann schon am Morgen die ersten Kamerateams anrücken, Radiojournalist*innen ihre Mikrofone zücken und PenMarathon-Banner gehisst werden, dann spricht das schon eine deutliche und global verständliche Sprache.

Außerdem war da noch die Sache mit den Hilfsmitteln. Kurz vor dem Anpfiff machte daIMG_20180621_133807_283s Gerücht die Runde, dass das W-LAN für die Zeit des Wettbewerbs – also immerhin volle vierundzwanzig Stunden – ausgeschaltet würde. Erste Schweißausbrüche. In Wahrheit kam es dann aber nochmal anders: Wir mussten Laptops, Smartphones und auch MP3-Player abgeben. Mit fröhlichen Post-its versehen kamen sie in eine Kiste, die ein bisschen was Sargähnliches hatte. Dafür bekamen wir je eine Plastiktüte – übrigens habe ich nie eine so geräuschvolle Plastiktüte erlebt – mit einem Collegeblock, zwei Kugelschreibern und einem blauen Klemmbrett. Ich schreibe normalerweise nichts per Hand, das umfangreicher als ein, zwei Sätze ist, in Ausnahmefällen mal etwas längere Notizen, aber Literarisches? Ohne Laptop? Würde nie auf die Idee kommen, und natürlich bin ich auch konditioniert; für meinem Schreibprozess ist es – dachte ich jedenfalls – absolut lebensnotwendig, dass ich

  • beim Schreiben Korrekturen vornehmen kann
  • nicht chronologisch vorgehe, immer wieder Passagen ver- oder einschiebe
  • sehr viel online recherchiere, zum Beispiel in Zeitungsarchiven, um mir Landkarten und Stadtpläne anzuschauen oder einzelne Begriffe nachzuschlagen

– und das sind nur die drei wichtigsten Bullet Points. Es geht natürlich auch um etwas ganz Elementares, die Physis – es fühlt sich einfach anders an, auf einer Tastatur zu tippen als einen Stift in der Hand zu haben. Sollbruchstelle Handgelenk … Aber ja, die größte Einschränkung war bestimmt tatsächlich, dass wir kein Internet hatten. Wie war das nochmal bei → Cat and Girl?

“If television’s a babysitter, the Internet is a drunk librarian who won’t shut up.”

Es gibt nur leider kaum etwas Unterhaltsameres und Informativeres als betrunkene Bibliothekar*innen. Die Vorgabe für den PenMarathon lautete: Der Lüge Köder fängt den Karpfen Wahrheit. Ein Shakespeare-Zitat, bei dessen Interpretation ein drunk librarian sicher hilfreich gewesen wäre, andererseits: ein relevantes, universelles Thema, damit lässt sich schon arbeiten, wenn der Schock sich erst einmal setzt und das Adrenalin wieder im Normalbereich ist. Ich habe mich ja immer mal mit der Oulipo-Bewegung auseinander gesetzt und habe für mich festgestellt, dass mich strikte Vorgaben zwar natürlich im ersten Moment einschüchtern, grundsätzlich aber doch der Eindruck überwiegt, dass dadurch etwas ermöglicht wird. “Spracherweiterung durch formale Zwänge” heißt das, glaube ich.

Wir sind dann zügig ausgeschwärmt und haben uns Schreibplätze gesucht, meiner lag recht sonnig und in Hörweite zu Daniel. Zwischendurch auch mal in einer Hängematte, auf einer Bank, an einem anderen Tisch. Das Wesentliche an dieser Erfahrung war für mich eindeutig nicht der Wettbewerbsgedanke. Irgendwann haben wir alle uns aus den Foto eines Tisches im Garten des Marosheni-RessortsEchokammern unserer eigenen Schädel befreit und miteinander gearbeitet, haben uns gegenseitig die Wörterbücher und Suchmaschinen ersetzt, jedenfalls soweit es ging. Ich habe viel darüber gelernt, wie man eben auch schreiben kann, und finde es immer bereichernd, andere Autor*innen bei der Arbeit zu – ja, beobachten. Manchmal reicht das schon. Und der Austausch hat so gut getan, auch, Unsicherheiten zeigen zu können, einfach mal zu fluchen, oder eben zu sagen: Ich find’ das gerade ganz okay, was ich hier mache. Es hat sich wie ein Schutzraum angefühlt, das Ganze. Ich hoffe, für die anderen auch. Ironischerweise war die Nacht des Wettbewerbs die einzige, in der ich ziemlich viel und richtig gut geschlafen habe; da saßen die anderen zum Teil noch draußen und haben richtig was geschafft. Ich finde es aber überhaupt erstaunlich, in den vierundzwanzig Stunden was Kohärentes aufs Papier gebracht zu haben, eigentlich habe ich mich für solche Späße schlichtweg für zu langsam gehalten.

Am nächsten Vormittag bestand die Arbeit hauptsächlich aus dem Edieren des Texts, der eh schon da war, und dann kam die Fleißarbeit, alles ins Reine zu schreiben; die hat nochmal deutlich mehr Zeit in Anspruch genommen, als ich erwartet hätte. Der Moment, als ich den Umschlag mit meinem Text zugeklebt habe, hatte durchaus etwas von einem Schwellenritus. Danach war ich nicht mehr in der Lage, mich mit meinem Text weiter zu befassen, was aber auch vollkommen in Ordnung war.

Am Nachmittag haben uns Zaza und seine Kollegin Nino, die ebenfalls beim Diogene-Verlag arbeitet, kurzerhand noch zu einem Ausflug nach Sighnaghi eingeladen. Too much? Aber ja! Ein paar von uns sind auch im Hotel geblieben, völlig verständlich, ich hatte auch etwas Bedenken, mich noch mehr Eindrücken auszusetzen. Aber es war eine bewusste Entscheidung für die Verausgabung und dafür, lieber zu viel zu sehen als etwas auszulassen. Für mich hat das funktioniert, und Sighnaghi ist wirklich eine richtig schöne kleine Stadt, mit steilen Hängen und vielen Tourist*innen. Da haben wir zum ersten Mal auch eine andere Seite Georgiens gesehen – die Straßenhunde, von denen einige ziemlich gut versorgt und entspannt wirkten, andere aber nicht. Und dann die Armut der Menschen. Zaza hat uns ein bisschen über die Situation der Roma erzählt; ich kann das nicht gut genug wiedergeben, aber es war mir sehr wichtig zu hören und in unser georgisches Märchen auch ein wenig Realismus einziehen zu lassen. Ansonsten: Limonadenranking (Guave hat mit Abstand gewonnen, obwohl ich mich bemüßigt fühle, eine Lanze für Estragon zu brechen), irgendwann wieder zurück zum Bus, alles ein wenig verschwommen. Unvergesslich aber der Moment, als im Bus plötzlich Musik anging, Roxy Music, und dazu Fahrtwind durch den Fensterspalt, Serpentinen, der Abgrund auf der rechten Seite und das von Übermüdung und Bier genährte paradoxe Gefühl, für einen Moment unsterblich zu sein.


→ Georgien-Tagebuch I
→ Georgien-Tagebuch III

Sofie Lichtenstein hat → auf ihrem Blog etwas über die Reise geschrieben und Martin Spieß hat einen Beitrag für → Zebrabutter verfasst.

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