Georgien-Tagebuch III: Ach, und die Schwalben.

Mir kommt es vor, als hätte ich bei den Aufzeichnungen mindestens einen vollen Tag vergessen, weil einfach alles so dicht war. Ich habe bisher noch nichts über den wunderbar distinguierten Kellner geschrieben, der fließend deutsch gesprochen und zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen alle Wünsche erfüllt hat, von denen wir vermutlich nicht einmal wussten, dass wir sie hatten. Oder von der schwarzen Hündin von Marosheni, die unglaublich lieb war, aber aufgrund ihrer Größe auch ein wenig furchteinflößend. Ich glaube, dass sie als einzige im Pool gebadet hat, uns Menschen wurde abgeraten. Und ich habe die georgischen Autorinnen und Autoren noch nicht richtig erwähnt, dabei war ich so ehrfürchtig angetan von vielen dieser Begegnungen. Tamri zum Beispiel hat in einem Nebensatz erwähnt, dass sie Dorothy Parker ins Georgische übersetzt hat. Oder Nino, die für uns Musik gemacht hat; die wahnsinnig produktive Kinderbuchautorin Irma. Und natürlich Levan, der ebenfalls deutsch gesprochen hat und mit dem wir uns wahrscheinlich von allen am meisten unterhalten haben. Ach, und so viele mehr, die ich aber zum größten Teil leider gar nicht kennengelernt habe. Dann habe ich noch den etwas bizarren Spaziergang um Mitternacht zum Friedhof vergessen, falls bislang jemand am Klassenfahrtscharakter gezweifelt hat, den unsere Reise zum Teil hatte – übrigens im besten Sinn. Die Nacht war sehr, sehr dunkel um Marosheni herum und ja, es gibt Wölfe und Bären in Georgien, aber nein, wir haben keine gesehen, uns nur wohlig verfolgt gefühlt. Wirklich verfolgt hat uns bloß das Auto, in dem uns besorgte PenMarathon-Organisatoren dann doch lieber hinterhergefahren sind. Es ging steil bergauf und oben gab es Wein und einen Trinkspruch für die Toten.


Am nächsten Tag hat uns ein Bus nach Tiflis gefahren. Wir wurden dann für ein paar Stunden unserer mangelnden Ortskenntnis überlassen und durften allein die Stadt erkunden, was aber dank unseres zentralen Startpunktes und eines klaren Zieles (Altstadt) ohne große Verwirrung zu bewerkstelligen war. Ich glaube, wir waren ziemlich langsam, wieder mal übernächtigt, etwas übersättigt von all den Eindrücken, und leicht überreizt. Irritiert hat mich vor allem der weiße Welpe, der von seiner Besitzerin dazu animiert wurde, außen am Balkon entlangzuklettern, sich durch die Balustrade wieder hineinzuschlängeln und dann das gleiche Spiel von vorn beginnen zu lassen, natürlich nicht einfach so, sondern für das Publikum an der Straße. Ich habe dann im Vorbeigehen noch Postkarten gekauft, die ich mangels Zeit Churchkhelanicht mehr schreiben konnte, einen Button und → Churchkhela. Das war der halbe Tag. Die andere Hälfte war wieder fest in den Händen unserer umtriebigen Gastgeberinnen und Gastgeber. Wir hatten ja auch jede Menge Zeit, bis unser Flug nach Istanbul gehen würde, aber eben nicht genug Zeit, um vorher noch ein paar Stunden Schlaf einzuplanen. Also machten wir, was wir immer machten, verausgabten uns noch ein wenig mehr und nahmen mit, was man uns anbot. Ich war so dankbar für die Gastfreundschaft, die Bereitschaft, uns dermaßen viel zu zeigen – und durchaus überwältigt von der Exuberanz. Wir wurden also wieder in den Bus gesetzt und ein paar Kilometer in den Norden von Tiflis, nach Mzcheta, verfrachtet; eine Stadt, die so alt ist, dass einem die Mauerreste von Vindobona wie Neubauten erscheinen.

Archäologische Forschungen belegen, dass die Stadt seit über 3000 Jahren existiert. Fast 1000 Jahre bis zum 6. Jahrhundert war Mzcheta Hauptstadt des iberischen Reichs, das neben den Königreichen Kolchis an der Schwarzmeerküste und Kartlien ein Vorgängerstaat des heutigen Georgien ist. (Wikipedia)

Dass Mzcheta das religiöse Zentrum Georgiens ist, wurde uns spätestens gegenwärtig, als wir eine Führung durch die Swetizchoweli-Kathedrale bekommen haben. Dort werden allerhand Reliquien aufbewahrt; für mich sind solche Konfrontationen mit dem Glauben, aber auch ganz konkret mit gläubigen Menschen, immer etwas befremdlich, und die innere Distanz entsprechend groß. Christianisierung schönreden fällt mir jedenfalls doch etwas schwer. In bester Erinnerung bleibt mir dagegen die Frau, die uns die Kirche gezeigt hat: sie kam wie aus dem Nichts, eine echte Erscheinung. In schwarz gekleidet, mit elegantem Hut, und einer Gestik, wie sie mir von anderen guides bekannt vorkam, konkret hat sie mich tatsächlich an unsere liebe Freundin Brenda erinnert, die in Wien die großartigsten Stadtführungen anbietet. Die Erscheinung ist dann so plötzlich verschwunden, wie sie aufgetaucht ist, und ich erwarte, ihr Konterfei jederzeit auf einem Leintuch wiederzusehen. Und wenn man um ihren Hut herum nicht eines fernen Tages eine Kathedrale errichtet, bin ich beleidigt.

Ach, und die Schwalben.

 

Unser nächster Halt war eine Bootsfahrt zu einem bedeutsamen Ort in der georgischen Geschichte, nämlich dem Punkt, an dem sich die Flüsse Kura und Aragwi  treffen. Ich habe davon wenig mitbekommen, weil ich mich mit Zaza unterhalten habe, vielleicht auch, weil das ganze Unterfangen unter dem Einbruch der Dunkelheit gelitten hat, ich hätte es nicht anders haben wollen, war eine gute Bootsfahrt. Und dann wieder Bus, und dann wieder Essen. Es war unser einziges Festmahl außerhalb von Marosheni und die Messlatte hing wirklich enorm hoch. Aber allein die Kulisse: das Lokal Armazis Savane sah aus, als müssten dort eigentlich permanent Abenteuerfilme gedreht werden. Unsere Tafel war etwas abgelegen im Schutz eines Felsens, unter dem Dach klang das Rauschen des Flusses wie Regen. Die Trinksprüche wurden trauriger. Ich wollte keinen Abschied nehmen, nicht von Georgien, nicht von dieser Erfahrung, am allerwenigsten aber von den anderen. Darum enden diese Notizen auch hier und nicht am Flughafen, mit einem erhobenen Glas, mitten im Stimmengewirr, beim Anzünden einer Zigarette, und vor einem vollen Teller. Man weiß bei einer georgischen Mahlzeit ja ohnehin nie, welcher Gang der letzte ist.


→ Georgien-Tagebuch I
→ Georgien-Tagebuch II

Sofie Lichtenstein hat → auf ihrem Blog etwas über die Reise geschrieben und Martin Spieß hat einen Beitrag für → Zebrabutter verfasst.

 

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