Ich habe diese Nacht einen wunderbaren Traum gehabt, den ich nicht vergessen kann. Mir war, ich läg zu Bette, ein Löwe lag zu meiner Rechten, eine Wölfin zur Linken und ein Bär mir zu Füßen! Alle halb über mich her und in tiefem Schlaf. Da dachte ich, wenn diese Tiere erwachten, würden sie gegeneinander ergrimmen und sich und mich zerreißen, es ward mir fürchterlich bange, und ich zog mich leise unter ihnen hervor und entrann.

Karoline von Günderrode an Friedrich Creuzer, Frankfurt, 23. April 1805

Literatur im Herbst

Heute & morgen & übermorgen findet die Literatur im Herbst im Wiener Odeon Theater statt. Eröffnet wird das Festival mit einem Vortrag von Dietmar Dath: Besser Kunst als Hoffnung, besser Kunst als Angst.

Ich werde am Samstag Abend zwei Autor*innen vorstellen und mit ihnen über die jeweiligen Bücher sprechen: Annalee Newitz reist mit ihrem literarischen Debüt Autonom nach Wien und Georg Klein mit seinem an Geheimnisfülle und Sprachstrahlen mit nichts zu vergleichenden Roman Miakro.

Das vollständige Programm gibt es auf der Website der Alten Schmiede.

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Der georgische Pavillon auf der Buchmesse gehört zu den schönsten Räumen, die ich kenne. Dreiunddreißig große, schwebend leichte Buchstabenskulpturen aus Holz. Seltsam ausgeleuchtet. Außerdem ein Hub of Emotions, danke, aber den brauchten wir gerade gar nicht.

Auf der Bühne im Pavillon fand am 11. Oktober die Bekanntgabe und Verleihung der PenMarathon-Preise statt und ja, ich hab’ da gewonnen, und bin natürlich noch immer nicht in der Lage, dazu etwas anderes zu stammeln als dass ich sprachlos und auf eine etwas merkwürdige Art glücklich bin. Auch ausgezeichnet wurden Simona Harmeinecke und Sarah Berger, auf der georgischen Seite Mindia Arabuli, Aleko Shugladze und Irma Malatsidze.

Georgischer Pavillon

Die obligatorische schlaflose Nacht nach meiner Rückkehr verbringe ich mit der Anthologie. Der Anthologie! Die deutschsprachigen Texte kannte ich schon, aber ich lese sie nochmal gedruckt. Ich weiß nicht, ob das ein Anachronismus ist (ich bin sehr viel weniger digital native als vermutet, merke ich vor allem im Austausch mit den anderen), aber für mich mach die bloße, simple Gegenständlichkeit des Buchs die ganze Sache ein gutes Stück wirklicher. Die der georgischen Autorinnen und Autoren kannte ich noch nicht und bin sehr beeindruckt, nicht nur, weil sie im Schnitt einfach mal das Doppelte in derselben Zeit geschrieben haben. In Mindia Arabulis Text “Mäuse und Lerchen” zum Beispiel geht es um Glaubensbekenntnisse, es gibt ein ganzes Bestiarium merkwürdiger Gestalten, und nachdem wir uns im Workshop in Marosheni lange mit idealtypischen ersten Sätzen auseinandergesetzt hatten, kommt er lässig mit dem perfekten letzten Satz daher. Und Irma Malatsidze, die georgische Gewinnerin, lässt am Anfang ihrer Story eine Ente verschwinden. Es wird kolportiert, sie sei einfach davongeflogen. Allerdings hat die Ente nur einen Flügel, irgendwas stimmt nicht, und je weiter man liest, desto mehr bestätigt sich dieser Eindruck. Ich kann sofort nachvollziehen, weshalb die Jury diese beiden Texte ausgewählt und ausgezeichnet hat, und bin vor Bewunderung hellwach, ist ja jetzt sowieso schon fast fünf.

Geräuschealbum

Wien, Donauinsel, nachts:

Antwerpen, Plantin-Moretus-Museum, Holzfußboden aus dem 16. Jahrhundert:

Miesbach, Märchenweiher:

Vancouver, Umspannwerk:

Mzcheta, Schwalben über der Swetizchoweli-Kathedrale:

[Was wäre, wenn wir uns statt Bilder zu zeigen Sounds vorspielten? Wie viel bekommt man von einem unbekannten Ort mit, wenn man die Augen schließt? Und klingen Umspannwerke überall gleich?]

Fischsommer

Nun ist es also raus. Ich bin sehr, sehr glücklich, als eine von fünf PenMarathon-Finalist*innen auf die Frankfurter Buchmesse fahren zu können, zusammen mit Sarah Berger, Thilo Dierkes, Simona Harmeinecke und Lasse Kohlmeyer. Ich bin auch ziemlich unglücklich, weil mir die vier Leute, die auf der Liste nicht dabei sind, fehlen und fehlen werden, und es ist enorm schön zu wissen, dass wir einander wiedersehen, bald, und unabhängig davon, wo welcher Name steht.

Foto von einem Koi-Karpfen

Seit dem Wettbewerb werde ich regelmäßig von Erinnerungen heimgesucht und das schlechte Gewissen, weil mein Umfeld dauernd Sätze hören muss, die mit “In Georgien …” anfangen, ist grenzenlos. Am stärksten verfolgt fühle ich mich vom Karpfen Wahrheit. Er ist mir in Vancouver in einem chinesischen Gartenteich entgegen geschwommen, in der Donau habe ich ihn gesehen. So oft wie in diesem Sommer war ich schon sehr lang nicht mehr schwimmen; seit ich in Wien bin, ganz sicher noch nie. Ich würde am liebsten sofort wieder ins Wasser gehen, jetzt, egal, wie spät es ist und wie heiß oder windig. Wassertiere waren mir schon immer sympathisch, aber nie solche Identifikationsfiguren. Ich möchte noch viel mehr Zeit in der Badewanne verbringen und eine Saisonkarte fürs Hallenbad, sollte dieser Sommer je vorbeigehen, wofür derzeit allerdings überhaupt nichts spricht.

Was in dieser ereignisreichen Jahreszeit auch passiert ist: Die großartige Koi Karp hatte ihre erste Ausstellung, hier in Wien, im Kunstraum Damani. Die Bilder, oft eine Symbiose aus Zeichnung und Text, hängen übrigens noch und warten auf Eure Augen. Koi hatte anlässlich der Veranstaltung dort mit der Autorin Isabella Feimer und dem Musiker Ben Hofer, die ganze Tasche voller Überraschungen; alle Gäste durften eine Visitenkarte mit nach Hause nehmen, die per Hand mit einem Literaturzitat verziert und somit einzigartig wurden. (Der Tag eines Kois hat offenbar viele Stunden, oder vielleicht eher die Nacht?) Und Koi meinte ganz locker zu mir, auf die Art, wie nur sie Bedeutungsvolles ganz beiläufig klingen lassen kann: “Klar, du kannst auch einfach ziehen, aber eigentlich habe ich schon eine für dich vorbereitet.”

Illustriertes Zitat "Your bait of falsehood takes this carp of truth"