Geräuschealbum

Wien, Donauinsel, nachts:

Antwerpen, Plantin-Moretus-Museum, Holzfußboden aus dem 16. Jahrhundert:

Miesbach, Märchenweiher:

Vancouver, Umspannwerk:

Mzcheta, Schwalben über der Swetizchoweli-Kathedrale:

[Was wäre, wenn wir uns statt Bilder zu zeigen Sounds vorspielten? Wie viel bekommt man von einem unbekannten Ort mit, wenn man die Augen schließt? Und klingen Umspannwerke überall gleich?]

Georgien-Tagebuch III: Ach, und die Schwalben.

Mir kommt es vor, als hätte ich bei den Aufzeichnungen mindestens einen vollen Tag vergessen, weil einfach alles so dicht war. Ich habe bisher noch nichts über den wunderbar distinguierten Kellner geschrieben, der fließend deutsch gesprochen und zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen alle Wünsche erfüllt hat, von denen wir vermutlich nicht einmal wussten, dass wir sie hatten. Oder von der schwarzen Hündin von Marosheni, die unglaublich lieb war, aber aufgrund ihrer Größe auch ein wenig furchteinflößend. Ich glaube, dass sie als einzige im Pool gebadet hat, uns Menschen wurde abgeraten. Und ich habe die georgischen Autorinnen und Autoren noch nicht richtig erwähnt, dabei war ich so ehrfürchtig angetan von vielen dieser Begegnungen. Tamri zum Beispiel hat in einem Nebensatz erwähnt, dass sie Dorothy Parker ins Georgische übersetzt hat. Oder Nino, die für uns Musik gemacht hat; die wahnsinnig produktive Kinderbuchautorin Irma. Und natürlich Levan, der ebenfalls deutsch gesprochen hat und mit dem wir uns wahrscheinlich von allen am meisten unterhalten haben. Ach, und so viele mehr, die ich aber zum größten Teil leider gar nicht kennengelernt habe. Dann habe ich noch den etwas bizarren Spaziergang um Mitternacht zum Friedhof vergessen, falls bislang jemand am Klassenfahrtscharakter gezweifelt hat, den unsere Reise zum Teil hatte – übrigens im besten Sinn. Die Nacht war sehr, sehr dunkel um Marosheni herum und ja, es gibt Wölfe und Bären in Georgien, aber nein, wir haben keine gesehen, uns nur wohlig verfolgt gefühlt. Wirklich verfolgt hat uns bloß das Auto, in dem uns besorgte PenMarathon-Organisatoren dann doch lieber hinterhergefahren sind. Es ging steil bergauf und oben gab es Wein und einen Trinkspruch für die Toten. Continue reading

Georgien-Tagebuch II: Was tun ohne betrunkene Bibliothekar*innen?

Am Tag des PenMarathons hat sich für viele von uns, vielleicht sogar für alle, erst gezeigt, wie wenig wir eigentlich über den Wettbewerb wussten. Grundlegendes über den PenMarathon hat Volker Oppmann, der leider nicht mit auf die Reise kommen konnte, auf → mojoreads.com zusammengefasst. Viel mehr konnten wir vorher nicht recherchieren, weil die meisten Informationen nur auf Georgisch zur Verfügung standen, und vor Ort haben wir dann hauptsächlich über den zeitlichen Ablauf unseres Aufenthalts gesprochen und weniger über die Konditionen. Zumindest mir war die Tragweite des Wettbewerbs nicht bewusst, und die Bedeutung, die der PenMarathon in der georgischen Literaturszene hat. Aber wenn dann schon am Morgen die ersten Kamerateams anrücken, Radiojournalist*innen ihre Mikrofone zücken und PenMarathon-Banner gehisst werden, dann spricht das schon eine deutliche und global verständliche Sprache.

Außerdem war da noch die Sache mit den Hilfsmitteln. Kurz vor dem Anpfiff machte daIMG_20180621_133807_283s Gerücht die Runde, dass das W-LAN für die Zeit des Wettbewerbs – also immerhin volle vierundzwanzig Stunden – ausgeschaltet würde. Erste Schweißausbrüche. In Wahrheit kam es dann aber nochmal anders: Wir mussten Laptops, Smartphones und auch MP3-Player abgeben. Mit fröhlichen Post-its versehen kamen sie in eine Kiste, die ein bisschen was Sargähnliches hatte. Dafür bekamen wir je eine Plastiktüte – übrigens habe ich nie eine so geräuschvolle Plastiktüte erlebt – mit einem Collegeblock, zwei Kugelschreibern und einem blauen Klemmbrett. Ich schreibe normalerweise nichts per Hand, das umfangreicher als ein, zwei Sätze ist, in Ausnahmefällen mal etwas längere Notizen, aber Literarisches? Ohne Laptop? Würde nie auf die Idee kommen, und natürlich bin ich auch konditioniert; für meinem Schreibprozess ist es – dachte ich jedenfalls – absolut lebensnotwendig, dass ich

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Verschwundene & Verlängerte

Es war mir eine große Freude, mit Jürgen Schütz vom sagenhaften Septime Verlag über seine Arbeit zu sprechen und dabei nicht zwei, nicht drei und auch nicht vier Kaffee im Rüdigerhof zu trinken. Erschienen ist das Verlagsportrait, das irgendwie auch ein Verlegerportrait ist, im Krimi-Spezial des Freitag. Die Überschrift und die ganzen Paratexte kommen nicht von mir, umso schöner der Zufall, dass auch noch ein unbeabsichtigter Verweis auf Wolfgang Popp sich hineingeschlichen hat.

https://www.freitag.de/autoren/janav/die-verschwundenen

I Love I Love Dick

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Den gab’s als Abo-Prämie.

Im Freitag habe ich etwas über Chris Kraus’ Roman I Love Dick (Matthes & Seitz) geschrieben. Das darf gern als Empfehlung verstanden werden, oder – fast noch lieber – als Einladung zur Diskussion über den Text. Denn zu diskutieren gibt es da viel, auch über Frauenbilder und Männerbilder, über weibliche Kunst, weibliche Stimmen, weiblichen Intellekt.

Es hat zwanzig Jahre gedauert, bis das Buch zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt wurde – übrigens ganz beeindruckend durch Kevin Vennemann. (Darum das Wort Spätruhm, das im Angesicht der Künstlerinnenbiografien, die da verhandelt werden, schon eine gewisse Ironie enthält.) Es wäre durchaus interessant, den Roman vor dem Hintergrund heutiger feministischer Diskurse auch nochmal gegen den Strich zu lesen. Dem Buch wünsche ich jedenfalls viele Lesezirkel, die sich damit auseinandersetzen, viel Begeisterung und überhaupt viel Aufmerksamkeit.