Nudelsieb und Nadelkissen

Wenn ich an übervolle Wohnungen denke, denke ich zuerst an meine Freundin F. Als wir sechzehn, siebzehn waren und noch bei unseren Müttern wohnten, war ich oft bei ihr in der Souterrainwohnung zu Besuch, zum Horrorfilme Schauen, weil nach dem Tanzen kein Bus mehr bis zu mir an den Stadtrand fuhr, oder um Kaffee mit Zimt zu trinken. Man konnte wunderbar aus dem Fenster schauen und leider mindestens genauso gut von außen hinein. Dabei erwiderten allerdings hunderte Plüschtiere den Blick. Das Bestiarium von F.s Mutter war über die ganze Wohnung verteilt, nur das Kinderzimmer war weitgehend frei von Spielzeug, und so waren einige Exemplare eben auf der Fensterbank daheim. Irgendwann saß eine lebende Katze dazwischen und fiel nicht weiter auf.

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Verschwundene & Verlängerte

Es war mir eine große Freude, mit Jürgen Schütz vom sagenhaften Septime Verlag über seine Arbeit zu sprechen und dabei nicht zwei, nicht drei und auch nicht vier Kaffee im Rüdigerhof zu trinken. Erschienen ist das Verlagsportrait, das irgendwie auch ein Verlegerportrait ist, im Krimi-Spezial des Freitag. Die Überschrift und die ganzen Paratexte kommen nicht von mir, umso schöner der Zufall, dass auch noch ein unbeabsichtigter Verweis auf Wolfgang Popp sich hineingeschlichen hat.

https://www.freitag.de/autoren/janav/die-verschwundenen

I Love I Love Dick

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Den gab’s als Abo-Prämie.

Im Freitag habe ich etwas über Chris Kraus’ Roman I Love Dick (Matthes & Seitz) geschrieben. Das darf gern als Empfehlung verstanden werden, oder – fast noch lieber – als Einladung zur Diskussion über den Text. Denn zu diskutieren gibt es da viel, auch über Frauenbilder und Männerbilder, über weibliche Kunst, weibliche Stimmen, weiblichen Intellekt.

Es hat zwanzig Jahre gedauert, bis das Buch zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt wurde – übrigens ganz beeindruckend durch Kevin Vennemann. (Darum das Wort Spätruhm, das im Angesicht der Künstlerinnenbiografien, die da verhandelt werden, schon eine gewisse Ironie enthält.) Es wäre durchaus interessant, den Roman vor dem Hintergrund heutiger feministischer Diskurse auch nochmal gegen den Strich zu lesen. Dem Buch wünsche ich jedenfalls viele Lesezirkel, die sich damit auseinandersetzen, viel Begeisterung und überhaupt viel Aufmerksamkeit.

“Die entzückende Widmung hat den Nachteil, dass man sie nicht mehr entfernen kann”

Marcel Proust schreibt im April 1902 an seinen Freund, den rumänischen Aristokraten und Schriftsteller Antoine Bibesco:

Cher ami,

Ich habe soeben die erbauliche und kostbare Broschüre erhalten, die gewiss der Anlass für den Krieg in China war und die mich umso verlegener macht, als ich sie Ihnen kaum zurückgeben kann: Die entzückende Widmung hat den Nachteil, daß man sie nicht mehr entfernen kann, und wenn man sie in Ihrer Bibliothek entdecken würde, könnte man auf den Gedanken verfallen, Sie besäßen unrechtmäßig ein Buch, das mir gehört, und das wäre wohl der Gipfel.

Welche Broschüre hier gemeint ist, oder auf welchen Krieg Proust anspielt, ist nicht geklärt, nicht einmal die klugen Fußnoten aus der neu erschienen Edition wissen das. Jedenfalls würde ich so gern die Widmung sehen. Ob sie so Continue reading

Vor

J. und ich haben ein neues Vorlesevorhaben: die Autobiografie von Emma Goldman, Gelebtes Leben. Ein Wunsch von ihr, den ich mir genauso gern erfüllen möchte. Das Buch wartet noch auf seinen Moment; bislang habe ich nur die Form besehen. Super: Es hat scheinbar ziemlich ideale Vorlesekapitel, und davon ganz viele. Gut, wenn man nicht selbst fragmentieren muss und sich an dem orientieren kann, was die Autorin sinnvoll fand (oder die Lektorin). “Da habt ihr Euch ja was vorgenommen”, sagt G. Ja, das haben wir.

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Bevor wir loslegen, wird Emma noch eine Weile in meinem unordentlichen Regal und dort, wo J. ihre Ausgabe in Berlin haben möchte, auf uns warten. Der Mensch, der dann vorliest, ist zwar wahrscheinlich nicht mehr derselbe, der in einem Pausenaugenblick diese Zeilen hier schreibt, aber wann ist man das schon.

Und das Diktiergerät war doch eine gute Anschaffung.

Schnell noch, ehe ich’s …

Lafcadio Hearn

Hearn auf Martinique, 1888

Mit Lafcadio Hearn (oder eher mit seinem Geist*) kam ich zum ersten Mal in Berührung, als ich 2005 in Japan war, wo unser lieber Reiseleiter M. uns in das Freiluftmuseum Meiji Mura mitgenommen hat. Dort steht ein Nachbau von Hearns Sommerhaus, einem kleinen Holzhaus mit Schiebefenstern und Tatamimatten. Ich habe damals seinen Namen derart falsch in mein Notizbuch geschrieben, dass er eher so klang wie der merkwürdige Spitzname eines damaligen Freundes, es war kein Konsonant an Ort und Stelle. Viel später kam ich erst dahinter, was für ein toller Typ das war, den wir da erlebt haben: eine Art Prototyp des Global Citizen, mit griechischen Wurzeln, irischer Schulkarriere (er flog wegen schlechten Betragens), amerikanischen Träumen und karibischen Sehnsüchten. Erst in Japan wollte und konnte er bleiben. Auf dem Weg dorthin hat er das Makabre und Obskure gesammelt, in Form von Geschichten, Märchen, Mythen. Er schrieb zahllose Reportagen, wunderbare Briefe und ein kreolisches Kochbuch, außerdem Romane wie Chita oder Youma, und wurde für seine Aufzeichnungen japanischer Geistergeschichten – das Kwaidan – völlig zu recht berühmt. Jedenfalls, anlässlich des Erscheinens seines Romans Youma bei Jung & Jung durfte ich für den Freitag ein Portrait zu Hearn schreiben und freue mich sehr darüber.

*Apropos: Das war ein sehr sehr schöner, sehr langer Gespenster-Abend gestern im fluc, auch & vor allem dank Wolfgang Popp, der so fantastisch liest und erzählt und fragt. Seinen Roman Wüste Welt möchte ich unbedingt empfehlen.