Ein Geist, zwei Hähne

Dieses Bild zeigt geblümte Vorhänge vor einer Zimmertür mit viel Patina.

Von allen Zimmern auf der Reise nach Nepal hat mir das in Bandipur am besten gefallen, in einem Teehaus, wo wir die einzigen Gäste waren und in der Zeit unseres Aufenthalts höflich ignoriert wurden von der scheuen Besitzerin. Für uns drei standen vier Betten bereit, von manchen sah man direkt in die Berge. Nachts zog kühle Luft durch die Fensterläden und am Morgen hat uns ein eifriger Hahn geweckt, ehe der erste Sonnenstrahl dahinter hervorgekrochen kam. Ein anderer Hahn hat uns, weil Bandipur mit Superlativen nicht zu geizen braucht, geradewegs zum besten Dal Bhat der gesamten Reise geführt: in eine Bäckerei, wo ununterbrochen Samosas gerollt und Sandwiches gestapelt wurden. Auch französische Crêpes waren im Programm und viele verschiedene Continue reading

Multitudes, oder: Wer ist Johanna?

Immer wieder mal fragen Leute, die „Das Zeichen für Regen” bis ganz zur letzten Seite gelesen haben, nach Johanna. Ich bin dann um eine Antwort verlegen: Was soll ich bloß sagen? Meine großartige Freundin mit einer sehr schönen Stimme. Mit einem seltenen Sinn für Lyrik und auch sonst einem feinen Gespür: Sie sieht Dinge, zum Beispiel in Wäldern und im Sternenhimmel, die mir selbst verborgen bleiben. Ein kritischer Geist, sie nimmt nichts für selbstverständlich, und wenn man gut zuhört, kann man bei ihr das Hinterfragen lernen. Ein großzügiger Mensch, der gern teilt und wenig fordert. Lustig und liebevoll. Alles nicht falsch, aber es ist auch nicht hinreichend. (Am meisten Johanna steckt für mich vielleicht in der glücklichen Erinnerung an drei geteilte Stück Kuchen in ihrem Zimmer, aber die behalte ich noch eine Weile im Stillen.)

I am large, I contain multitudes, heißt es bei Walt Whitman. Fünfzig Antworten auf die Frage, wer Johanna ist, sind ein ganz guter Anfang, und es ist viel so schöner, auch wahrer, sie selbst erzählen zu lassen. Ich hab’ sie gefragt, ob es okay ist, wenn ich ihr Video teile. Sie hat sofort ja gesagt. Auch das ist Johanna.

Und dies ist Johannas Blog.

“Sind nette Grußworte auf so einer Schmutztitelseite eigentlich noch zeitgemäß?”

DSCF5952 Im neuen Freitag ein paar Gedanken von mir über Widmungen und ihre Bedeutung.
Außerdem zu lesen: ein Beitrag von Millay Hyatt über Grußworte in Zeiten von E-Books, klug in die Zukunft gedacht.

Das ist ein toller Nebeneffekt des Schreibens, sich mit etwas vertraut zu machen, das einem vorher nicht vertraut war. Das hört nicht auf, wenn das Buch gedruckt ist, im Gegenteil: Es entwickeln sich Gespräche, die neuen Impulse und die Gedanken der anderen geben dem eigenen Blick nachträglich Tiefenschärfe (und zeigen oft auch Details auf, die einem vorher entgangen sind). Continue reading

Unter Käfern

Das Museum für Naturkunde in Berlin hat 30 Millionen Objekte unter seinem Dach. Ein gigantisches Dinosaurierskelett, Brachiosaurus brancai, sechs Millionen Käfer, eine halbe Million Wirbeltiere, 130.000 in Alkohol eingelegte Fische und 120.000 Tierstimmen auf Band. Die Sammlung ist für Außenstehende unvorstellbar, wegen dieser Zahlen und wegen dieser Vielfalt. Man muss wahrscheinlich ein Archivar sein, um sich ausmalen zu können, wie eine solche Sammlung unter einem einzigen Dach Platz hat. Und was es heißt, so viele tote Tiere am Leben zu erhalten.

Isabel & RoccoDass ich zum ersten mal ein Buch von Anna Stothard gelesen habe, ist noch nicht ewig lange her, dieses Jahr im Frühling muss es gewesen sein. Pink Hotel hatte genau den richtigen Titel, um mir beim Bibliographieren für die Diss. auf der Suche nach einem Buch für die Reise nach Dubrovnik ins Auge zu fallen. Zurück in Wien folgten fast ohne Pause The Art of Leaving und Isabel & Rocco, Stothards Debüt, das sie mit 17 zu schreiben begonnen hat. Es sind sehr unterschiedliche Geschichten, die da erzählt werden, aber es gibt Momente, an denen sie sich berühren. Isabel & Rocco handelt von einer Sammlerin: Isabel sammelt Erfahrungen, nicht so, wie man Erfahrungen eben sammelt; sie will ihre Ersten Male sammeln, die Premieren, Erfahrungen wie den ersten Schnee, den ersten Kuss, den ersten Sex. Isabel ist vieles und keine einfach zu beschreibende Romanfigur, aber sie ist auch und ganz sicher eine Archivarin. Continue reading

Sofi Oksanen: »Als die Tauben verschwanden«

9783462046618Für den Freitag habe ich zuletzt einen Beitrag über Sofi Oksanen und ihren neusten Roman geschrieben. Halb Portrait, halb Rezension. Nach atemlosem Lesen, mit einer großen Sehnsucht nach der endlosen blauen Stunde eines finnischen Sommers, nach kahvi und Koskenkorva und danach, von einem Roman derart verschlungen zu werden. Ein sehr gutes und sehr wichtiges Buch.

Sofi Oksanen ist eine Archäologin: Mit hochgekrempelten Ärmeln lenkt sie den Blick auf Verschüttetes, Verborgenes und Verschwiegenes. Als stünde sie an einem Ausgrabungsort, der Rückschlüsse auf die Menschheitsgeschichte zulässt, aber auch auf das Menschsein. Viele ihrer Prosatexte spielen in der Vergangenheit, rückwärtsgewandt sind sie dabei jedoch nie; vielmehr schreibt die finnische Autorin von Wendepunkten der Geschichte, die in die Gegenwart verweisen.

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