W i d e r

Für den (nur mehr heute aktuellen) Freitag habe ich ein Gespräch mit Thomas Stangl geführt. Seine Erzählung “Die Toten von Zimmer 105” wird heuer mit dem Wortmeldungen-Preis ausgezeichnet; wir haben über das utopische Potenzial von Altenheimen gesprochen, über Geister und Gespenster, Ordnung und Regeln. Und über Literatur.

Weil ja am Ende nie alles in der Zeitung steht, kommt das schöne Wort Widerspiel im Text nicht vor, aber dafür der Widerstand. Bei einem Spaziergang durch den Dritten Bezirk, durchs Ungargassenland in Richtung Universität für Musik und Darstellende Kunst, war der mir kurz zuvor schon mal entgegengesprungen. Auch in einer möglicherweise bescheidenen beziehungsweise wenig illusorischen Form, aber man weiß ja nie, wen man so trifft mit den Worten, die man aus dem Fenster und in die offene Straße hängt.

Ich freue mich, dass der Text viel Raum bekommen hat. Nachzulesen ist er hier.

Ich habe früher in der Leopoldstadt gewohnt. Auf meinen Spaziergängen durch das früher jüdische Viertel habe ich versucht, zu sehen und in Literatur zu übersetzen, was mit diesen Räumen und in diesen Räumen passiert ist. Auch etwas zu vergegenwärtigen, was sich dieser fürchterlichen und katastrophalen Geschichte entgegensetzen lässt. Bei meiner Idee von Gespenstern geht es immer um eine Vergegenwärtigung, die auch eine Form von Widerstand gegen historische Gewalt sein kann – sagen wir mal: eine bescheidene Form von Widerstand. Bescheiden ist auch das falsche Wort. Ein Widerstand ohne große politische Illusionen.

 

ach ja:

wo warn wir

In Vorbereitung & demnächst im Buchhandel:

wo warn wir? ach ja:
Junge österreichische Gegenwartslyrik
Herausgegeben von Robert Prosser und Christoph Szalay
Limbus Verlag

Mit Gedichten von Maria Seisenbacher, Verena Dürr, Lydia Haider, Fiston Mwanza Mujila, Cornelia Travnicek und vielen mehr. Bin hocherfreut und aufgeregt, dass ich auch etwas beitragen durfte – die Gedichte “die königin von parentesien”, “hundsrose” und “waltraum”. Nicht zuletzt, weil es meine erste Lyrikveröffentlichung ist, hab’ ich schon im Vorfeld ein Glas Sekt in meinem Lufftloch versenkt.

Quelle: Biodiversity Heritage Library

Is it possible to get a night flight?

dahinter und davor
Danke, Papa!

Für den aktuellen Freitag (beste Wochenzeitung Europas) durfte ich über Sentas und meine Tour d’Autriche schreiben, die uns im im Auftrag des Büchereiverbandes in neun Bundesländer, über hundert Berge und durch tausend Wälder geschickt hat, vorbei an immerhin mehreren Seen und in einen hinein.

Zwischen der womöglich krankhaften Neigung, anderen Menschen Bücher zu empfehlen, und dem nackten Horror, dass dabei tatsächlich Publikum anwesend ist, physisch, ist Raum für großes Glück und zahlreiche Entdeckungen. Ich habe auf der ganzen Tournee nur einmal einen Zug verpasst, wir hatten wunderbar schlaflose Nächte in den Hotelzimmern, die man eben so bekommt, wenn man zu spät bucht, und haben vor allem wieder sehr viel lernen dürfen darüber, wie Büchereien große und kleine Ortschaften zusammenhalten. Was all das mit Tilda Swinton und Fibonacci zu tun hat, steht dann im Text.

Du kannst auch einfach იანა zu mir sagen

Der georgische Pavillon auf der Buchmesse gehört zu den schönsten Räumen, die ich kenne. Dreiunddreißig große, schwebend leichte Buchstabenskulpturen aus Holz. Seltsam ausgeleuchtet. Außerdem ein Hub of Emotions, danke, aber den brauchten wir gerade gar nicht.

Auf der Bühne im Pavillon fand am 11. Oktober die Bekanntgabe und Verleihung der PenMarathon-Preise statt und ja, ich hab’ da gewonnen, und bin natürlich noch immer nicht in der Lage, dazu etwas anderes zu stammeln als dass ich sprachlos und auf eine etwas merkwürdige Art glücklich bin. Auch ausgezeichnet wurden Simona Harmeinecke und Sarah Berger, auf der georgischen Seite Mindia Arabuli, Aleko Shugladze und Irma Malatsidze.

Georgischer Pavillon

Die obligatorische schlaflose Nacht nach meiner Rückkehr verbringe ich mit der Anthologie. Der Anthologie! Die deutschsprachigen Texte kannte ich schon, aber ich lese sie nochmal gedruckt. Ich weiß nicht, ob das ein Anachronismus ist (ich bin sehr viel weniger digital native als vermutet, merke ich vor allem im Austausch mit den anderen), aber für mich mach die bloße, simple Gegenständlichkeit des Buchs die ganze Sache ein gutes Stück wirklicher. Die der georgischen Autorinnen und Autoren kannte ich noch nicht und bin sehr beeindruckt, nicht nur, weil sie im Schnitt einfach mal das Doppelte in derselben Zeit geschrieben haben. In Mindia Arabulis Text “Mäuse und Lerchen” zum Beispiel geht es um Glaubensbekenntnisse, es gibt ein ganzes Bestiarium merkwürdiger Gestalten, und nachdem wir uns im Workshop in Marosheni lange mit idealtypischen ersten Sätzen auseinandergesetzt hatten, kommt er lässig mit dem perfekten letzten Satz daher. Und Irma Malatsidze, die georgische Gewinnerin, lässt am Anfang ihrer Story eine Ente verschwinden. Es wird kolportiert, sie sei einfach davongeflogen. Allerdings hat die Ente nur einen Flügel, irgendwas stimmt nicht, und je weiter man liest, desto mehr bestätigt sich dieser Eindruck. Ich kann sofort nachvollziehen, weshalb die Jury diese beiden Texte ausgewählt und ausgezeichnet hat, und bin vor Bewunderung hellwach, ist ja jetzt sowieso schon fast fünf.

Geräuschealbum

Wien, Donauinsel, nachts:

Antwerpen, Plantin-Moretus-Museum, Holzfußboden aus dem 16. Jahrhundert:

Miesbach, Märchenweiher:

Vancouver, Umspannwerk:

Mzcheta, Schwalben über der Swetizchoweli-Kathedrale:

[Was wäre, wenn wir uns statt Bilder zu zeigen Sounds vorspielten? Wie viel bekommt man von einem unbekannten Ort mit, wenn man die Augen schließt? Und klingen Umspannwerke überall gleich?]