Literatur im Herbst

Heute & morgen & übermorgen findet die Literatur im Herbst im Wiener Odeon Theater statt. Eröffnet wird das Festival mit einem Vortrag von Dietmar Dath: Besser Kunst als Hoffnung, besser Kunst als Angst.

Ich werde am Samstag Abend zwei Autor*innen vorstellen und mit ihnen über die jeweiligen Bücher sprechen: Annalee Newitz reist mit ihrem literarischen Debüt Autonom nach Wien und Georg Klein mit seinem an Geheimnisfülle und Sprachstrahlen mit nichts zu vergleichenden Roman Miakro.

Das vollständige Programm gibt es auf der Website der Alten Schmiede.

IMG_20181122_165428.jpg

Du kannst auch einfach იანა zu mir sagen

Der georgische Pavillon auf der Buchmesse gehört zu den schönsten Räumen, die ich kenne. Dreiunddreißig große, schwebend leichte Buchstabenskulpturen aus Holz. Seltsam ausgeleuchtet. Außerdem ein Hub of Emotions, danke, aber den brauchten wir gerade gar nicht.

Auf der Bühne im Pavillon fand am 11. Oktober die Bekanntgabe und Verleihung der PenMarathon-Preise statt und ja, ich hab’ da gewonnen, und bin natürlich noch immer nicht in der Lage, dazu etwas anderes zu stammeln als dass ich sprachlos und auf eine etwas merkwürdige Art glücklich bin. Auch ausgezeichnet wurden Simona Harmeinecke und Sarah Berger, auf der georgischen Seite Mindia Arabuli, Aleko Shugladze und Irma Malatsidze.

Georgischer Pavillon

Die obligatorische schlaflose Nacht nach meiner Rückkehr verbringe ich mit der Anthologie. Der Anthologie! Die deutschsprachigen Texte kannte ich schon, aber ich lese sie nochmal gedruckt. Ich weiß nicht, ob das ein Anachronismus ist (ich bin sehr viel weniger digital native als vermutet, merke ich vor allem im Austausch mit den anderen), aber für mich mach die bloße, simple Gegenständlichkeit des Buchs die ganze Sache ein gutes Stück wirklicher. Die der georgischen Autorinnen und Autoren kannte ich noch nicht und bin sehr beeindruckt, nicht nur, weil sie im Schnitt einfach mal das Doppelte in derselben Zeit geschrieben haben. In Mindia Arabulis Text “Mäuse und Lerchen” zum Beispiel geht es um Glaubensbekenntnisse, es gibt ein ganzes Bestiarium merkwürdiger Gestalten, und nachdem wir uns im Workshop in Marosheni lange mit idealtypischen ersten Sätzen auseinandergesetzt hatten, kommt er lässig mit dem perfekten letzten Satz daher. Und Irma Malatsidze, die georgische Gewinnerin, lässt am Anfang ihrer Story eine Ente verschwinden. Es wird kolportiert, sie sei einfach davongeflogen. Allerdings hat die Ente nur einen Flügel, irgendwas stimmt nicht, und je weiter man liest, desto mehr bestätigt sich dieser Eindruck. Ich kann sofort nachvollziehen, weshalb die Jury diese beiden Texte ausgewählt und ausgezeichnet hat, und bin vor Bewunderung hellwach, ist ja jetzt sowieso schon fast fünf.

Nanae Aoyama im Freitag

Nanae Aoyamas Roman Eigenwetter hat mich schon sehr begeistert: Er hat etwas aufgerührt und er hat mir geholfen, Japan besser zu verstehen, weil es um Gegensätze zwischen Generationen geht, oder die zwischen Stadt und Land. Gleichzeitig erzählt Eigenwetter von Erfahrungen, die man überall macht: Wie es ist, auf sich gestellt zu sein, obwohl man eigentlich noch gar nicht dafür bereit ist. Oder wie Familie auch etwas sein kann, das man sich und anderen erschafft – ohne dass es dabei um Gene oder den Stammbaum geht.
Genauso jetzt die neu übersetzten Erzählungen in Bruchstücke – die Themen und die Stimmungen sind vielleicht ähnlich, aber der Zugang dazu jedesmal ein völlig bruchstücke coveranderer. Es war wunderbar, die Autorin neulich in Berlin wiederzusehen. Erst zu einer Lesung bei Fräulein Schneefeld und Herrn Hund. Am nächsten Morgen gleich nochmal dort zum Gespräch, denn wozu groß weitersuchen, wenn man den besten Kaffee (und Schokolade, Bücher, Tee) schon gefunden hat. Nanae Aoyama hat von Schwellen und Übergängen erzählt, sie hat Tunnel- und Flusserinnerungen geteilt, und natürlich über ihre Erzählungen gesprochen. Den Artikel gibt es jetzt auch online auf freitag.de.

Ich hatte die ganze Zeit – bei der Lesung und beim Interview – meine analoge Kamera in der Tasche, ein Erbstück, das ich vor der Reise nach Berlin nie benutzt habe. Das bedeutet auch, dass ich noch immer nicht weiß, ob die Bilder etwas geworden sind. Vielleicht ist die Kamera, eine Kodak Retinette, längst kaputt, oder (wahrscheinlicher) meine halb intuitive Herangehensweise an die doch recht komplexe Apparatur reicht nicht aus, um Licht und Schärfe abzuschätzen und gleichzeitig alle Finger von der Linse zu nehmen. Ich habe vor lauter Zuhören allerdings sowieso vergessen, ein Bild zu machen.
Jetzt ist der Film beinah voll und bald finde ich heraus, ob die Fotos gut sind. Und was ich überhaupt fotografiert habe. Auch darüber hat Aoyama gesprochen, über diese Verzögerung bei der analogen Fotografie vom Drücken des Auslösers bis zum Betrachten des Bilds. In der Titel-Erzählung “Bruchstücke” kommt es dadurch zu einer Erkenntnis, die andere sicher viel theatralischer in Szene gesetzt hätten – die bei ihr aber ganz sanft und umso eindringlicher und nachdrücklicher daherkommt.
Komischerweise ist dann mein Gedächtnis eingesprungen und hat so etwas wie ein Foto gemacht: Ich seh’ Nanae Aoyama da auf dem gelben Sessel vor der türkisen Wand sitzen und heiße Schokolade aus einer Tasse trinken, die wie gemalt aussieht.

IMG_20180430_185721_437 (2).jpg


Nanae Aoyama
Bruchstücke
Aus dem Japanischen von Katja Busson & Frieder Lommatzsch
cass Verlag